Sommer

Geheimnisvolle Pflanzengallen

Pflanzengallen von Gallmilben © Marcel Gluschak
Die bizarren Gallen, wie sie etwa von Gallmilben erzeugt werden, treten oft in Kolonien auf. © Marcel Gluschak

Pflanzengallen sind faszinierend. Meist sind es Insekten oder Milben, die mit einem Biss oder injizierten Stoffen das Gewebe einer Pflanze manipulieren. Anstatt sich gegen die Verletzungen zu wehren, lässt die Pflanze an Ort und Stelle bizarre Kapseln, Beulen und Kugeln sprießen. Die fremden Untermieter können ins gemachte Nest einziehen und finden in den Pflanzengallen Schutz und Nahrung. Die Schönheit und Formenvielfalt der dabei entstehenden Gallen ist erstaunlich.

Einmal kräftig reinbeißen, kurz darauf einziehen…

Wer sich Blätter genauer anschaut, hat sicher schon einmal merkwürdige, knospenartige Auswüchse bemerkt, die irgendwie nicht zum üblichen Erscheinungsbild der Pflanze passen. Und tatsächlich sind diese Wucherungen eine abnorme Wuchsreaktion der betroffenen Pflanze, hervorgerufen durch die Einwirkung eines fremden Organismus. Ein kleiner Reiz reicht den Manipulierern oft aus, um die Pflanze zum Aufbau einer kompletten Wohnstätte zu animieren.

Gegenüber anderen Tieren, die sich ihre Behausung selbst bauen müssen, ist dies natürlich ein raffinierter Schachzug. Honigbienen bauen sich Waben aus selbsterzeugtem Wachs, Feldwespen errichten filigrane Papiernester, Spinnen konstruieren aufwändige Netze und manche Schmetterlingsraupen rollen Blätter zu Behausungen zusammen. Wer hingegen auf Pflanzengallen spezialisiert ist, lässt einfach die Pflanze für sich arbeiten.

Pflanzengallen auf einer Rose © Marcel Gluschak
Besonders spektakulär sind die stark verzeigten Gebilde, die Gallwespen auf Rosen erzeugen. Im Inneren des komplexen Gallenkörpers gibt es zahlreiche Kammern, in denen neben den Larven meist auch Parasiten und ungebetene Mitbewohner heranwachsen. © Marcel Gluschak

Inzwischen sind rund 15.000 Arten bekannt, die zu einer Gallenbildung an Pflanzen fähig sind. Insbesondere Bakterien, Viren, Pilze, Blütenpflanzen, Fadenwürmer, Milben und vor allem Insekten nutzen diese Strategie. Und nicht nur an Blättern, sondern auch an Stängeln, Blüten, Knospen und Wurzeln lassen sie die für sich nützlichen Gebilde wachsen. Manche Gallbildner können mit einem kleinen, aber gezielten Stich oder Biss die Teilung der Pflanzenzellen ‘umprogrammieren’. Andere schleusen bestimmte Aminosäuren und Hormone in die Pflanze, die zur plötzlichen Ausbildung der wohnlichen Gehäuse führen. Vor allem die höher entwickelten Gallerzeuger nutzen Cytokinine zur Bildung der Gallen. Diese Hormone können wachstumshemmende, wachstumssteigernde und allgemein regenerierende Vorgänge im Gallgewebe auslösen.

Pflanzengalle der Buchenblatt-Gallmücke © Marcel Gluschak
Die Buchenblatt-Gallmücke ruft auf Buchenblättern charismatische, nach oben zugespitzte Beutelgallen hervor. Die Wände sind fest und dick, im inneren Hohlraum wächst ein kleine weiße Mückenlarve heran. Im Herbst löst sich die Galle vom Blatt und fällt zu Boden. Die fertige Mücke verlässt im Frühjahr ihre Galle, indem sie den Deckel mit ihrem Kopf durchstößt. © Marcel Gluschak

Im Fall der Blattwespen (Tenthredinidae) beispielsweise injizieren die Weibchen bereits vor oder bei der Eiablage entsprechende Stoffe in die Pflanze. Bei den Gallwespen hingegen sind es die heranwachsenden Wespenlarven selbst, die das sie umgebende Pflanzengewebe beeinflussen. Die Gallmilben wiederum müssen sogar während ihrer gesamten Entwicklungszeit, die sie in ihren Gallen verbringen, ein stimulierendes Sekret in die Pflanze absondern – ansonsten bildet sich das Nährgewebe, von dem sie leben, wieder zurück.

Pflanzengallen – der scheinbar selbstlose Wohnungsbau der Pflanzen

Die Gallbildung ist zwar eine Art Abwehrreaktion der Pflanze – doch eine, die den Eindringling regelrecht ‘umarmt’. Die Pflanzen scheinen unter diesen Eingriffen kaum zu leiden. Abgesehen von einigen Arten wie der Reblaus (Daktulosphaira vitifoliae) oder der Sattelmücke (Haplodiplosus equestris), die ihre Wirtspflanzen (in diesem Fall Wein und Weizen) massiv schädigen, greifen die meisten Gallerzeuger in den Stoffwechsel ihres Wirts kaum messbar ein. Zwischen einigen Pflanzen und ihren Gallerregern gibt es sogar symbiotische Verhältnisse, bei denen beide profitieren.

Eine dieser Symbiosen ist für uns sehr nützlich. Sie wird durch Bakteriengallen erzeugt. Die Knöllchenbakterien bringen Gallen an den Wurzeln der Hülsenfrüchtler (Leguminosen) hervor, also unter anderem bei Bohnen und Erbsen. Die Wurzelknöllchen verbessern die Lebensbedingungen der betroffenen Pflanze, indem sie den Stickstoff aus der Luft binden, um ihn ihrer Wirtspflanze nutzbar zu machen. Daher gedeihen Leguminosen auch auf stark nährstoffarmen Böden. Nebenbei wird der Erdboden auf diese Weise für nachfolgende Pflanzen mit Stickstoff angereichert. Wo Leguminosen kultiviert werden, ist weniger Dünger notwendig. Der Boden und das Grundwasser werden geschützt.

Pflanzengallen der Eichenseidenknopf-Gallwespe © Marcel Gluschak
Die Gallen der Eichenseidenknopf-Gallwespe entwickeln sich von August bis Oktober, fallen dann zu Boden und nehmen durch die Bodenfeuchtigkeit stark an Volumen zu. Die Larven verpuppen sich im Winter in den am Boden liegenden Gallen. © Marcel Gluschak

Eichen sind offenbar besonders großzügige und beliebte Wirte für Gallenspezialisten – sie werden von sehr vielen gallbildenden Insekten als Herberge für ihre Nachkommen genutzt. Im Extremfall können bei dieser Baumart über 1000 einzelne Gallen auf einem einzigen Blatt vorkommen. Hier lässt sich auch gut das Phänomen der Generationenzyklen beobachten.

Viele der höher entwickelten Gallerzeuger weisen einen Generationenkreislauf auf, der sich im Verlauf eines oder mehrerer Jahre wiederholt. So zum Beispiel – Achtung, langer Name – die Eichenlinsengallwespe (Neuroterus quercusbaccarum). Diese Gallwespenart erzeugt zwei völlig unterschiedliche Gallen: flache Linsen und runde Beerengallen. Früher ging man davon aus, sie müssten von zwei verschiedenen Insektenarten hervorgebracht worden sein. Tatsächlich sind diese Gallen aber Kunstwerke der beiden verschiedenen Generationen: einer rein weiblichen im Frühling und einer bisexuellen im Sommer.

Die rein weibliche Generation der Eichenlinsengallwespe tritt ab März auf und fliegt bis etwa Ende April. Die Weibchen stechen unbefruchtete Eier in die männlichen Blütenkätzchen oder Knospen von Stiel- und Traubeneichen. Die Larven verursachen kugelige Gallen, die im reifen Zustand an Johannisbeeren erinnern. Ab Mitte Juni schlüpfen aus diesen Gallen sowohl Männchen als auch Weibchen. Nachdem sich diese gepaart haben, legen die Weibchen nun befruchtete Eier an die Blattunterseiten des Eichenlaubs. Als Reaktion auf diese Larven bildet die Eiche 4 bis 6 mm große, linsenförmige Gallen, die dicht mit Sternhaaren besetzt sind. Während sich die Larven in ihnen satt fressen, wird es Herbst, und die Blätter fallen mitsamt den Larven zu Boden, wo sich die jungen Insekten verpuppen und am Fuß der Eiche überwintern. Wenn schließlich der Frühling zurückkehrt, beginnt der Kreislauf aufs Neue.

Linsengallen auf einem Eichenblatt © Marcel Gluschak
Linsengallen mit Sternhaaren auf der Unterseite eines Eichenblattes. © Marcel Gluschak

Die Spiralgallenlaus (Pemphigus spirothecae) setzt sich auf diese Weise sogar gegen Feinde zur Wehr. In einem Generationszyklus kommen Soldatenläuse vor, die als Kaste auf eine eigene Fortpflanzung verzichten und stattdessen die Gallenpopulation gegen eindringende Feinde verteidigen. Denn auch Pflanzengallen sind kein perfektes Versteck. Es gibt Parasiten, die in eine Galle eindringen können und den Gallerzeuger vertreiben oder sogar auffressen. Manche beginnen gar, sich in der eroberten Galle selbst weiterzuentwickeln.

Pflanzengallen der Lindenblattkegel-Gallmücke © Marcel Gluschak
Die Lindenblattkegel-Gallmücke lässt auf Lindenblättern Beulen wachsen, deren mittlerer Teil sich später abtrennt und braun färbt. Wie ein Korken schiebt er sich immer weiter nach oben, bis er sich aus der Beule löst und auf den Boden fällt. In dieser korkenartigen Innengalle lebt die Larve, die sich am Erdboden verpuppt und schließlich schlüpft. © Marcel Gluschak

Ist die Entwicklungsphase des Gallbewohners abgeschlossen, verlässt er die Galle durch Öffnungen. Der Ausgang ist entweder schon an der Galle vorhanden, entsteht bei der Reifung, oder das Tier befreit sich selbständig aus der Ummantelung. Und selbst danach erfüllen die pflanzlichen Gebilde einen Nutzen. Verlassene Gallen dienen nicht selten anderen Organismen wie Ohrwürmern oder kleinen Käfern als neuer Zufluchtsort. Pflanzengallen sind meistens klein, und dennoch können in ihnen ganze Lebensgemeinschaften gedeihen – bizarre Gebilde, mit denen die Pflanzen scheinbar ganz selbstlos den unterschiedlichsten Lebewesen helfen, zu überleben.

Wer sich einen Eindruck von der Vielfalt der Pflanzengallen machen möchte, findet hier zahlreiche Abbildungen. Sehr zu empfehlen ist auch das Bestimmungsbuch “Faszinierende Pflanzengallen” (H. Bellmann, M. Spohn, R. Spohn).

Ich arbeite beim WWF Deutschland und bin dort zuständig für das Jugendprogramm. Nebenberuflich absolviere ich eine Ausbildung zum Naturerlebnispädagogen bei CreNatur sowie zum Wildnispädagogen bei der Wildnisschule Hoher Fläming. Ich liebe es, in der Natur unterwegs zu sein, ob zu Fuß, im Kanu oder mit dem Fahrrad. Es vergehen schnell Stunden, in denen ich mich ausdauernd in der Naturfotografie ausprobiere oder einfach den Moment genieße, beobachtender Teil der Natur zu sein. Achtsamkeit, Respekt für die Natur und Begeisterung für ihre Schönheit liegen mir sehr am Herzen.

3 Kommentare

  • Cristina Camarata

    Ha! Dieses Phänomen habe ich mehrfach beobachtet, zuletzt im vergangenen Sommer, an Linden und Buchen, und ich habe mich gefragt, was es wohl zu bedeuten hat, diese spitzen Hütchen und Knubbel auf den Blättern
    … Ich nahm wohl an, dass es sich um Parasiten oder “Besetzer” handelt… Habe den NABU auf Facebook gefragt, aber keine Antwort erhalten 😕.
    Und jetzt: diese umfassende Aufklärung dieser mysteriosen Gebilde 😃👍✨, die die Blätter besetzen… und mit so vielen nützlichen Hintergrundinformationen! Und ich lerne wieder: Auch in der Natur ist nichts nur “schwarz oder weiß”… Es gibt Geben und Nehmen, es gibt für alles einen triftigen Grund, und einen Sinn in Allem… 💚 Vielen Dank für diesen informativen Beitrag! Jetzt muss ich nicht mehr grübeln 😅👏👏👏

  • Isabella Cammarata

    Das ist ja wahnsinnig interessant! 🙂 Faszinierend, wie die Pflanze für die Gallmilben arbeitet und ihnen Schutz bietet und dass dabei so viele unterschiedliche, kuriose Gebilde entstehen.

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