Winter

Eine Drachenpflanze: der Efeu

Reifende Efeufrüchte im Schnee © Marcel Gluschak
Im Schnee leuchtet das kräftige Grün des Efeus besonders lebendig. © Marcel Gluschak

Manche Laubbäume scheinen sich dem Winter zu widersetzen. Sie sind in dichtes, grünes Blätterwerk gehüllt. In Wirklichkeit ist es der immergrüne Efeu, der sich an den Baumstämmen hochrankt. Für den betroffenen Baum ist die ausdauernde Kletterpflanze keine Bedrohnung. Uns kann der Efeu gegen Husten helfen – oder wenn wir uns verlaufen haben. Vor allem aber steckt eine verborgene Kraft im Efeu, über die heute die wenigsten etwas wissen.

Wie uns der Efeu hilft, wenn wir uns verlaufen haben

Der Gemeine Efeu (Hedera helix) ist der einzige in Mitteleuropa einheimische Wurzelkletterer. Er benötigt einen Wirt, an dem er emporwachsen kann. Doch zunächst muss er einen solchen Wirt finden. Hierzu bedient sich der Efeu einer Methode, die negativer Fototropismus genannt wird. Fototropismus ist das durch Licht bestimmte Wachstum einer Pflanze. Negativer Fototropismus bezeichnet wiederum die Neigung mancher Pflanzen, vom Licht weg zu wachsen. Was auf den ersten Blick nicht zu Pflanzen passt, ergibt bei Kletterpflanzen Sinn. Denn der Efeu sucht nach einem Baum, und ein Baum wirft einen langen Schatten. Also ist die Wahrscheinlichkeit, im Schatten einen Baum zu finden, relativ groß.

Somit kann uns der Efeu Aufschluss über die Himmelsrichtung geben. Da die Sonne von Osten über Süden nach Westen wandert, ist es am nördlichen Fuß eines Baumstamms am schattigsten. Manchmal erkennt man am Verlauf seines Wachstums, wie sich der Efeu aus nördlicher Richtung an den Stamm herangetastet hat.

Efeu mit Schattenblättern © Marcel Gluschak
Efeu wächst häufig an der nördlichen Schattenseite am Baumstammes hoch. © Marcel Gluschak

Sobald der Efeu seinen Wirt erklimmt, ändert er seine Wachstumsstrategie. Er wächst dann nicht mehr vom Licht weg. Vielmehr sucht er dann aktiv das Licht. Seine Ausläufer wandern um den Stamm herum auf die sonnenbeschienene Seite – die Pflanze wird fototrop.

Interessanterweise ändert sich dann auch die Blattform. Beim jungen, lichtscheuen Efeu hat das Blatt drei bis fünf dreieckige, ganzrandige Blattlappen. Die Blätter des alten, fototropen Efeus sind hingegen eiförmig bis rhombisch und nicht gelappt. Diese unterschiedliche Ausgestaltung von Blättern einer Pflanze nennt man in der Pflanzenkunde Blattpolymorphismus. Bildet eine Pflanze so wie der Efeu im Verlauf ihrer Entwicklung zwei vollkommen unterschiedliche Blattformen in unterschiedlichen Regionen der Pflanze aus, spricht man von Heterophyllie.

Efeublätter im Sonnenlicht © Marcel Gluschak
Weiter oben wächst der Efeu an der Sonnenseite buschiger und bildet Blätter, die nur eine Spitze haben. © Marcel Gluschak

Da der Efeu in den oberen Etagen das Licht sucht, wächst er auf der sonnigeren Seite buschiger und dichter. In der Regel zeigt er uns somit auch an, wo Süden ist. Wer sich verlaufen hat, sollte also nach diesem pflanzlichen Kompass Ausschau halten. Nicht zuletzt auch, weil wir in alten Wäldern den Efeu eher an den Waldrändern finden, seltener in der Mitte. Wer also aus einem alten Wald herausfinden will und plötzlich viel Efeu findet, hat den Ausweg bald gefunden.

Efeu wächst dort, wo tiefe Kräfte schlummern

Efeu gab es schon vor 100 Millionen Jahren – zu einer Zeit, als sich die Alpen aus dem Meer erhoben, sich die Landmassen von Südamerika und Afrika voneinander trennten und Dinosaurier durch die Landschaft streiften. Und auch in jeder heute wachsenden Efeupflanze steckt viel Geschichte. Hedera helix kann ein Höchstalter von 450 Jahren erreichen.

Efeu klettert an einer Esche hoch © Marcel Gluschak
Mithilfe von Haftwurzeln bildet dieser Efeu ein ganzes Netzwerk aus Sprossen, mit denen er an einer alten Esche hochklettert. © Marcel Gluschak

Für unsere Vorfahren war der Efeu eine magische Pflanze. Es waren die Urkräfte der Erde, die förmlich aus ihr sprachen. Die wandelhaften Blattformen des Efeus, das dunkle Grün seiner giftigen Blätter und sein kriechendes Wachstum erinnerten die Menschen seit jeher an ein sagenumwobenes Wesen: die Schlange. Zur Zeit der Kelten symbolisierten Schlangen den Tod. Sie galten als mystische und bedrohliche Schwellenhüter zwischen unserer Welt und der Anderswelt. Zugleich symbolisierten die sich häutenden Tiere die Wiedergeburt, und somit das ewige, sich ständig wandelnde Leben. Für die Kelten verkörperte die Schlange den Gedanken, dass der Tod das Leben hervorbringt, ebenso wie das Leben den Tod. Alles Werden und Vergehen ist in einem großen Kreislauf miteinander verbunden.

Der Efeu, so die damalige Vorstellung, stand in Verbindung mit dem Erddrachen. Im Weltbild der Kelten gab es tatsächlich Drachen. Doch diese Drachen führten eher ein verborgenes Dasein in den geheimen Ebenen der Welt. Sie waren Geschöpfe der Erdmutter und als solche treibende Energien in der Natur. Die Druiden versuchten sich darin, diese Energien aufzuspüren und zu zähmen. Später überlieferte die Kirche – mit dem Ziel, heidnische Kultur in ihrem Sinne zu besetzen – zahlreiche Geschichten von helfenhaften Heiligen, die Drachen töteten.

Für die Druiden jedoch war der Efeu eine Pflanze, die die gute, lebensspendende Kraft des Erddrachen sichtbar machte. Indem die Pflanze fest im Boden wurzelt und zugleich gen Himmel klettert, hebt sie uralte und dunkle Kräfte immer wieder aus dem Boden hinauf ins Licht. Als Pflanze, die immer grüne Blätter trägt, selbst kälteste Winter und lange Trockenheit übersteht und mit ihren zähen Sprossachsen scheinbar allen Widrigkeiten trotzt, symbolisierte der Efeu in vielen Kulturen das Prinzip der Erd- und Pflanzenenergie, die das Leben in einen neuen Zyklus hinüberträgt.

Wuchernd und düster? Tatsächlich ein Lebensretter

Ein einzelnes, immergrünes Laubblatt des Efeus überdauert etwa drei bis vier Jahre. Die Hauptzeit des Laubfalles liegt im späten Frühling. Die Liane blüht von September bis November, teils sogar bis in den Dezember hinein – also zu einer Zeit, in der die übrige Flora kaum noch Nektarquellen zur Verfügung stellt. Entsprechend schätzen Insekten die in einer Halbkugel angeordneten, unscheinbar gelbgrünen Blüten des Efeus. Sie sind völlig offen und verbreiten sowohl süßliche Düfte wie Fäulnisgerüche. Folglich können sich die unterschiedlichsten Insekten eingeladen fühlen, von Bienen und Wespen über Schwebfliegen und Ameisen bis zu zahlreichen Faltern. Selbst Marienkäfer weichen nun mangels Blattläusen gerne auf den energiereichen Blütennektar des Efeus um.

Efeu mit Fruchtstand © Marcel Gluschak
Außergewöhnlich und somit wertvoll für zahlreiche Tiere: Der Efeu blüht im Herbst und bildet Früchte im Winter. © Marcel Gluschak

Die Früchte werden zwischen Januar und April reif. In den Fruchtständen stehen die Früchte dicht zusammen. Die kugeligen Beeren sind bläulich oder grünlich-schwarz, selten auch gelb oder weiß. Sie werden gerne vom Gartenrotschwanz, der Mönchsgrasmücke, dem Star, der Amsel und dem Rotkehlchen gefressen, die mit ihrem Kot die Samen des Efeus verbreiten.

Efeu mit Ranken © Marcel Gluschak
Wegen seiner immergrünen Blätter galt der Efeu seit jeher als Symbol des ewigen Lebens. © Marcel Gluschak

Für den Menschen sind Efeufrüchte zwar giftig. Doch wurde der Efeu für seine medizinische Wirkung schon früh geschätzt. Bereits die Ärzte der Antike nutzten Efeublätter und Efeufrüchte als Schmerzmittel. In Salben verarbeitet half die Pflanze bei Verbrennungen. Heute kommt ein Blätter-Extrakt als Hustenlöser zum Einsatz. Das in den Blättern enthaltene Alpha-Hederin wirkt positiv auf unser Nervensytem. Es regt die Atemwege an, schleimlösende Stoffe zu produzieren, und erweitert die Bronchien.

Kann der Efeu einen Baum ersticken?

In seinen ersten Jahren wächst der Efeu noch sehr langsam. Ab einem Alter von etwa 20 Jahren beginnt er dann, die überhängenden Blütentriebe mit rundlichen Blättern auszubilden. Dann können seine Triebe jährlich zwei Meter hinzugewinnen. Kann der Efeu ungestört wachsen, klettert er 20 oder selten sogar 30 Meter hoch.

Überwuchertes Haus © Marcel Gluschak
Efeu kann ganze Häuser ‘verschlingen’ – auch das passt zur “Drachenpflanze”. © Marcel Gluschak

Auch wenn es manchmal so aussieht, als würde der Efeu seinen Wirtsbaum einschnüren: Der Wurzelkletterer schadet dem Baum nur selten. Seine Haftwurzeln nehmen keine Nährstoffe auf. Folglich entziehen sie dem Wirt keine Lebenssäfte. Außerdem wächst Efeu vorrangig am Stamm und an den starken Ästen, selten aber dort, wo die Blätter des Baums wachsen. Daher nimmt er der Baumkrone kaum Licht weg.

Wenn ein Baum im Herbst sein Laub abwirft, tut er dies unter anderem auch, um besser gegen Schnee- und Windbruch gewappnet zu sein. Das Laub des Efeus kann bei reichlich Schnee und winterlichem Sturm wie ein Segel wirken und durchaus den Baum herausfordern. Und natürlich gibt es auch Fälle von großen Efeupflanzen, die kleinere Bäume komplett einhüllen und mit ihrer Last erdrücken. In der Regel gilt jedoch, dass der Efeu seinem Wirt vielmehr hilft: Durch seinen Laubabwurf im Frühjahr verbessert der Efeu das Bodenleben so deutlich, dass seine Anwesenheit für den Stützbaum eine Bereicherung ist.

Dünger gegen Kletterhilfe – wie so oft in der Natur ein Geben und Nehmen. Der Efeu kann nicht bestehen, ohne sich anzuschmiegen. Deshalb war er auch immer ein Sinnbild für Freundschaft und Treue. Im alten Griechenland erhielt ein Brautpaar einen Efeuzweig als Symbol immerwährender Verbundenheit. Der Efeu ist also eine Pflanze mit düsterer Erscheinung, und doch ein Teamplayer, ein Glücksbringer und Lebensspender. Der Erddrachen hat sich ganz offensichtlich etwas dabei gedacht.

Ich arbeite beim WWF Deutschland und bin dort zuständig für das Jugendprogramm. Nebenberuflich absolviere ich eine Ausbildung zum Naturerlebnispädagogen bei CreNatur sowie zum Wildnispädagogen bei der Wildnisschule Hoher Fläming. Ich liebe es, in der Natur unterwegs zu sein, ob zu Fuß, im Kanu oder mit dem Fahrrad. Es vergehen schnell Stunden, in denen ich mich ausdauernd in der Naturfotografie ausprobiere oder einfach den Moment genieße, beobachtender Teil der Natur zu sein. Achtsamkeit, Respekt für die Natur und Begeisterung für ihre Schönheit liegen mir sehr am Herzen.

2 Kommentare

  • Cristina Camarata

    Danke für diesen umfassenden und lehrreichen Artikel über den schönen Efeu, der überall wächst, und von dem ich doch so wenig wusste – bis zu diesem Bericht. 😏
    Sehr spannend fand ich, wie man sich anhand des Vorkommens der Pflanze im Wald zurechtfinden kann. Und die Erklärung der Wachstumsstrategie fand ich auch sehr gut und verständlich erklärt. Wie bei allen Artikeln in diesem wundervollen Blog denke ich immer, dass es toll wäre, sie im Schulunterricht einsetzen zu können! Wenn wir damals einen so lebendigen Biologieunterricht gehabt hätten, dann wäre mir sehr viel mehr in Erinnerung geblieben. 😅 Z. B. dass es Efeu schon vor 100 Millionen Jahren gab! Und dass ein Blatt 3 – 4 Jahre überdauern kann. Es ist klug von der Natur, den Efeu im Herbst blühen zu lassen und den Vögeln und Insekten im Winter die Beeren als Nahrung zu geben. Schön ist auch, zu lesen, dass der Efeu seinem Wirtsbaum i. d. R. nicht schadet, sondern quasi mit ihm in Symbiose lebt. Als Hustensaft hat er meinen Kindern schon sehr geholfen, und als Sinnbild für Freundschaft und Treue hatte ich Efeu in meinem Brautstrauß. An unserer Balkonwand rankt er sich, langsam wachsend, empor. Das Foto mit dem Haus, in Efeu eingehüllt, ist beeindruckend! Ist das nicht die beste natürliche und umweltfreundliche Dämmung? 😏💚

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