Sommer

Raupen & Co. – die Blatt-Baumeister

Eingerolltes Blatt - Heimat von Raupen © Marcel Gluschak
Eingerolltes Buchenblatt – Wer hat sich hier eingenistet? © Marcel Gluschak

Wer sich die Blätter der Bäume und Sträucher genau anschaut, kann darin merkwürdige Bauwerke entdecken. Verschiedene Tiere bauen sich mithilfe des Laubs gut getarnte Verstecke und Kokons. Schöne Beispiele bieten uns etwa die Raupen der Buchenmotte und der Wickler. Und auch die Grüne Krabbenspinne verwirklicht hier ihren ganz eigenen Baustil.

Eingerollte Blätter - hier sind Raupen am Werk © Marcel Gluschak
Eingerollte und angefressene Blätter – hier scheinen Raupen am Werk zu sein. © Marcel Gluschak

Die eingerollten Blätter weisen auf kleine bis mittelgroße Schmetterlinge hin, die Familie der sogenannten Wickler (Tortricidae). Sie verdanken ihren Namen der Tatsache, dass ihre Raupen die Blätter ihrer Nahrungspflanze einwickeln. In den zusammengesponnenen Blättern sind die Raupen quasi unsichtbar und fressen sich satt.

Eingerolltes Blatt, von Raupen weitgehend zerfressen © Marcel Gluschak
In diesem Blatt hat die Raupe schon zahlreiche Löcher reingefressen. © Marcel Gluschak

Die Wickler-Weibchen legen ihre Eier einzeln oder in Gruppen an der Oberfläche der Nahrungspflanze ab. Diese Eier sind je nach Art unterschiedlich geformt – die meisten sind sehr flach und sehen aus wie Schuppen. Es sind jedoch nicht alle Wickler-Raupen darauf spezialisiert, Blätter einzurollen – es gibt auch Arten, die als Minierer innerhalb der Pflanzen leben, sich in abgestorbene Blätter, Samen und Wurzeln einnisten oder als Bohrer in Ästen und Stämmen überdauern.

Spinne krabbelt zur Wicklerpuppe © Marcel Gluschak
Nicht immer lebt es sich sicher im eingerollten Blatt… Eine Spinne schlüpft ins Versteck. © Marcel Gluschak

Vor Eindringlingen sind die Raupen jedoch auch so nicht gänzlich geschützt. Hier konnte ich beobachten, wie eine Spinne durch ein Loch eindrang. Noch unauffälliger als die Wickler richtet sich die Raupe der Buchenmotte (Diurnea fagella) ein. Sie spinnt zwei benachbarte Blätter übereinander zusammen, so dass zwischen ihnen ein flacher, breiter Wohnraum entsteht.

Die Raupen der Buchenmotte wohnen zwischen zwei Blättern © Marcel Gluschak
Die Raupe einer Buchenmotte zwischen zwei Blättern © Marcel Gluschak

Die Raupen der Buchenmotte sind zwischen Juni und Oktober anzutreffen, vorzugsweise an Rotbuchen, aber sie greifen zur Not auch auf andere Bäume zurück, wie etwa Stieleichen, Feldulmen, Hängebirken und Salweiden. Vor allem nachts machen sich die Raupen daran, ihr Versteck zu verlassen, um die Blätter abseits der zusammengesponnenen Behausung vom Rand her zu befressen. Dabei werden auch die Blattadern völlig verzehrt.

Die Falter fliegen von März bis Mitte Mai. Die Männchen können wir bereits tagsüber an Buchenstämmen sitzend antreffen, während sich die Weibchen erst mit Einbruch der Dämmerung zeigen.

Raupe der Buchenmotte © Marcel Gluschak
Die Buchenmottenraupe wagt einen Ausflug an den Rand ihres Verstecks © Marcel Gluschak

Die Buchenmotte wird auch “Sängerin” genannt. Denn die Raupe hat eine ganz spezielle akustische Fähigkeit. Durch rasche, kratzende Bewegungen des dritten Beinpaares kann sie ein zirpendes Geräusch erzeugen. Die Raupe ist etwa 25 mm lang, behaart, durchschimmernd gelb bis hellgrün und hat einen wuchtigen braunroten Kopf.

Raupe der Buchenmotte © Marcel Gluschak
Die “Sängerin” spinnt zwei Blätter zusammen und ist somit gut versteckt. © Marcel Gluschak

Wenige Zweige daneben zeigt sich plötzlich eine Spinne mit grünem Vorderkörper, ebenso grünen Beinen und einem weißbraun gemusterten Hinterleib: die Grüne Krabbenspinne. Sie ist häufig in Laubwäldern und an Waldrädern mit gebüschreicher Struktur zu finden, seltener auch in offener Landschaft. Dank ihrer Färbung ist sie auf Blättern gut getarnt.

Grüne Krabbenspinne © Marcel Gluschak
Die beiden vorderen Beinpaare bei Krabbenspinnen sind länger – daher ihr Name. © Marcel Gluschak

Bei den Krabbenspinnen (Thomisidae) sind die vorderen Beinpaare verlängert. Außerdem können sie rückwärts und seitwärts laufen. Beides hat dieser Spinnenfamilie zu ihrem eingängigen Namen verholfen. Die Grüne Krabbenspinne (Diaea dorsata) ist in unseren Breiten eine weit verbreitete Vertreterin, gehört aber mit fünf bis sechs mm (Weibchen) bzw. drei bis vier mm (Männchen) zu den kleineren Krabbenspinnenarten.

Krabbenspinnen bauen keine Fangnetze, sondern lauern auf Blüten und Blättern auf Beutetiere. Sie lieben das Sonnenlicht und warten am liebsten auf sonnigen Plätzen auf vorbeiziehende Käfer oder Fliegen, manchmal sogar größere Spinnen. Acht Augen – vier auf der Stirn und vier auf dem Kopf – verschaffen den blitzschnellen Jägern eine fast vollständige Rundumsicht. Mit einem einzigen Biss lähmen die Krabbenspinnen ihr Beutetier und saugen es anschließend aus.

Grüne Krabbenspinne mit Eikokon © Marcel Gluschak
In diesem eingerollten Blatt hat die Grüne Krabbenspinne ihre Eier versteckt. © Marcel Gluschak

Auch die Grüne Krabbenspinne gehört zu den Baumeistern im dichten Blätterwerk. Die Weibchen legen ihre Eier auf Blättern ab, schaffen hierfür eine seidene Unterlage und spinnen einen linsenförmigen Kokon aus mehreren Lagen darüber. Im Sommer können wir mit etwas Glück ein solches Weibchen dabei beobachten, wie es auf ihrem Eikokon sitzt und ihn bewacht, bis die jungen Spinnen herausschlüpfen. Auf diesen Bildern sieht man den kugeligen Eikokon oberhalb der Spinne. Bis es soweit ist, weicht die Mutter nicht vom Kokon und nimmt in dieser Zeit auch keine Nahrung zu sich. Kurz vor dem Schlüpfen beißt sie den Kokon auf, leistet somit Geburtshilfe – und stirbt danach.

Grüne Krabbenspinne mit Eikokon © Marcel Gluschak
Unter Aufgebot ihrer letzten Kräfte bewacht die Grüne Krabbenspinne ihren Eikokon. © Marcel Gluschak

Die Männchen der Grünen Krabbenspinne zeigen wiederum ein sehr ungewöhnliches Streit-Verhalten. Sie fechten untereinander sogenannte “Kommentkämpfe” aus. Die beiden Kontrahenten stehen sich mit weit ausgebreiteten Vorderbeinen gegenüber und umtänzeln sich. Diese Tanzduelle können mitunter stundenlang andauern.

Ebenso faszinierend: Krabbenspinnen nutzen den Wind als Fortbewegungsmittel. Hierzu strecken sie ihren Hinterleib nach oben und lassen einen seidigen Faden aus den Spinndrüsen heraus. Ist dieser lang genug, weht der Wind die Spinne einfach davon.

Es ist schon faszinierend, was da über unseren Köpfen alles passiert, wenn wir unter Bäumen hindurch spazieren. Die Vielfalt an Überlebenstechniken und der Formenreichtum der tierischen Architektur sind unglaublich. Es existieren unzählige weitere Bauformen, die unterschiedlichsten Netze, Höhlen und Nester. Und sogar die Manipulation des Pflanzenwachstums – die sogenannten Pflanzengallen – gehört zu den baumeisterlichen Fertigkeiten im Tierreich.

Ich arbeite beim WWF Deutschland und bin dort zuständig für das Jugendprogramm. Nebenberuflich absolviere ich eine Ausbildung zum Naturerlebnispädagogen bei CreNatur sowie zum Wildnispädagogen bei der Wildnisschule Hoher Fläming. Ich liebe es, in der Natur unterwegs zu sein, ob zu Fuß, im Kanu oder mit dem Fahrrad. Es vergehen schnell Stunden, in denen ich mich ausdauernd in der Naturfotografie ausprobiere oder einfach den Moment genieße, beobachtender Teil der Natur zu sein. Achtsamkeit, Respekt für die Natur und Begeisterung für ihre Schönheit liegen mir sehr am Herzen.

4 Kommentare

  • Cristina Camarata

    Ja, es ist wirklich faszinierend, was man alles in einem Stück heimischen Waldes beobachten kann. Man kommt kaum vorwärts, 😉😄 und aus dem Staunen nicht heraus, was sich alles um einen herum abspielt. Auch die kleinsten Geschöpfe sind Überlebenskünstler, Baumeister, geschickte Handwerker, sie machen Upcycling, kommen mit dem aus, was die Umgebung ihnen bietet! Da können wir noch Einiges lernen 😅… Dazugelernt habe ich auch wieder viel in diesem schönen Beitrag. Lustig, dass die Raupen der Wickler sich in ihrem eigenen “Wrap”
    sattessen, sich die Raupen der Buchenmotte quasi eine “Calzone” zusammenspinnen 😄 und sich akustisch bemerkbar machen können.😮 Tun sie das, um Artgenossen anzulocken?
    Und die Krabbenspinnen kannte ich auch noch nicht. Wieder etwas dazugelernt und geschmunzelt – über das alte Rollen-Klischee: Die Männchen liefern sich Tanzduelle, fliegen durch die Luft wie Spiderman 😄, während sich die Weibchen bis zum Schluss für den Nachwuchs aufopfern… 😕 😏

    • Marcel Gluschak

      Soweit ich weiß, machen die Raupen der Buchenmotte ihr Kratzgeräusch, wenn sich Störungen einstellen. Es scheint also eher eine Art Abschreckungs-Trommeln zu sein.

  • Isabella Cammarata

    Unser Biounterricht damals war bei Weitem nicht so fesselnd wie dieser Blog 😯😂
    Es ist wirklich aufregend, wie spannend die Natur im kleinen Detail ist.
    Eine lustige Vorstellung, wie zum Beispiel die Krabbenspinne sich vom Wind tragen lässt und wie sich die Männchen im Tanzduell gegenübertreten!😄

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.