Herbst

Der Rotmilan

Rotmilan © Marcel Gluschak
Der Rotmilan hat einen tief gegabelten, rostroten Schwanz. © Marcel Gluschak

Im Frühherbst können wir ihren anmutigen Gleitflug noch bewundern. Doch ab Ende September ziehen die meisten Rotmilane fort in Richtung Südwesten. Ein innerer Ruf lockt sie, in kleinen bis mittelgroßen Trupps in ihre spanischen Winterquartiere zu reisen. Doch die Welt verändert sich drastisch – auch für den Rotmilan.

Wie lange ist der Rotmilan noch ein Zugvogel?

Der Rotmilan (Milvus milvus) ist ein ausgesprochen schöner Greifvogel. Wenn er am Himmel auftaucht – die langen Flügel ausgebreitet und den rostroten Schwanz permanent in steuernder Bewegung – dann fühle ich mich an das Bild eines Lenkdrachen erinnert. Mit einer Körperlänge von 60 bis 66 cm und einer Flügelspannweite von 175 bis 195 cm ist der Rotmilan größer als ein Mäusebussard, und auch etwas größer als sein enger Verwandter, der Schwarzmilan.

Er ist schon in der Ferne gut zu erkennen: Von unten betrachtet bilden die Handschwingen an der Basis ein ausgedehntes weißes Flügelfeld, im letzten Drittel sind sie wiederum schwarz. Doch das markanteste Merkmal des Rotmilans ist sein langer, tief gegabelter Schwanz. Selbst in aufgefächerter Haltung beschreiben die äußeren Federn eine deutliche Gabelform, weshalb der Rotmilan landläufig auch Gabelweihe genannt wird.

Rotmilan in der Ferne © Marcel Gluschak
Der Rotmilan ist schon in der Ferne gut zu erkennen. © Marcel Gluschak

Die Mehrheit der nord- und mitteleuropäischen Rotmilane verlässt im Herbst das Brutgebiet und zieht nach Spanien. Für den Zug in die Winterquartiere benötigen die eleganten Thermiksegler rund zwei Wochen, in denen sie täglich Strecken von 50 bis 200 km zurücklegen. Um die Alpen und die Pyrenäen überqueren zu können, müssen sie eine Flughöhe von 3.000 Metern erreichen. Schon im Februar kehren die ersten Rotmilane wieder zurück und besetzen hier ihre gewohnten Brutreviere.

In Zeiten der Erderwärmung jedoch werden die Winter immer milder, und so kommt es vermehrt vor, dass die Rotmilane nicht fortziehen, im Brutgebiet ausharren und versuchen, sich mit unseren Siedlungsabfällen über Wasser zu halten.

Der Rotmilan braucht vor allem eins: Vielfalt.

Eigentlich ist der Rotmilan ein Suchflugjäger. In einem relativ niedrigen und langsamen Gleit- und Segelflug sucht er große Gebiete seines Nahrungsreviers systematisch nach Beute ab. Früher war der Feldhamster das wichtigste Beutetier. Heute ist dieser selten geworden, und so ernährt sich der Rotmilan vor allem von anderen kleinen Säugetieren und Vögeln, aber vermehrt auch von Abfällen und Aas. Vor allem Feldmäuse und Maulwürfe sowie Hasen, die der Mahd zum Opfer gefallen sind, gehören zu den bevorzugten Beutetieren. Unter den Vögeln müssen sich insbesondere Tauben, Rabenvögel, größere Drosseln und kleinere Singvögel vorsehen. Auffällig ist, dass Rotmilane besonders häufig Stare erbeuten.

Diese schönen Studien zeigen wunderbar den eleganten Gleitflug des Rotmilans, und sein enormes Geschick beim Erbeuten von Fischen. Bei Minute 1:10 zeigt das Video sogar die Begegnung mit einem Schwarzmilan. Im Synchronflug werden schön die unterschiedlichen Merkmale dieser beiden Milane sichtbar.

In wasserreichen Gebieten stehen auch Fische auf dem Speiseplan. Dabei schnappen sich Gabelweihen gerne auch die an der Wasseroberfläche treibenden toten oder kranken Fische. Besonders morgens stehen sogar Regenwürmer auf dem Speiseplan, die sie auf noch taunassen Äckern auflesen. Rotmilane berauben auch andere Vögel, vor allem Schwarzmilane, Krähen und Möwen. Sie jagen ihnen die Beute ab oder belästigen sie so lange, bis sie bereits verschluckte Nahrung wieder auswürgen.

Rot- und Schwarzmilane können sehr nahe beieinander brüten. Bei Streitigkeiten um einen günstigen Nistplatz oder einen bereits errichteten Horst ist wiederum der Rotmilan häufiger der Unterlegene, obwohl er in der Regel größer als der Schwarzmilan ist.

Jahrelange Treue und dramatischer Tod

Rotmilane sind ihrem Partner in der Regel über Jahre treu. Auch wenn sie den Winter nicht gemeinsam verbracht haben, treffen sich Weibchen und Männchen am Ende des Winters im Revier wieder. Wenn es im Frühjahr an der Zeit ist, einen Horst zu bauen, beteiligen sich beide Partner gleichermaßen daran. Das Grundgerüst besteht aus Zweigen, die die Milane vom Boden auflesen oder sogar mit dem Schnabel oder den Fängen von Bäumen abreißen. Rotmilan-Paare legen mehrere Nester an, um flexibel den Brutplatz wechseln zu können. Dadurch kommt es sogar vor, dass die Nester im Wechsel von verschiedenen Vogelarten genutzt werden.

Für die Innenausstattung sammeln Rotmilane weiches, natürliches Material wie Moose und Haare. Aber auch Kulturabfälle wie Folien und Plastiktüten werden eingeflochten. Rotmilane lieben es offenbar, ihr Nest mit allerlei Fundstücken auszustatten. Wahrscheinlich erscheint ihnen unser Müll als praktisches, flexibles Baumaterial. Dabei ahnen die Tiere offenbar nicht, dass die Schnüre und Netze eine tödliche Falle sein können und sich ihre Nestlinge darin strangulieren. Und eingebaute Plastiktüten verhindern die Luftzirkulation im Nest und können zur Durchnässung und Unterkühlung der Jungen führen.

Rotmilan-Horst © Marcel Gluschak
Ein Rotmilan-Horst – errichtet auf einer großen, alten Kiefer. © Marcel Gluschak
Plastikmüll in einem Rotmilan-Horst © Marcel Gluschak
Auch hier finden sich Plastikschnüre – sie sind eine tödliche Falle für die Nestlinge. © Marcel Gluschak

So ein Verlust ist dramatisch, denn Rotmilane brüten nur einmal im Jahr. Zwischen Ende Februar und Mitte April legen die Rotmilanweibchen etwa zwei bis drei Eier. Fünf Wochen später schlüpfen die Jungen, die dann nach etwa 50 Tagen flügge sind. Danach werden sie noch etwa zwei Wochen von ihren Eltern mit Nahrung versorgt, doch spätestens dann müssen sie auf eigenen Beinen stehen und den elterlichen Familienverband verlassen.

In dieser Zeit verteidigen beide Eltern ihren Horst energisch. Die Nestlinge leben gefährlich. Sie stehen als mögliche Beute auf dem Speiseplan des Habichts. Auch der Uhu, der Baummarder oder der Waschbär können dem Nachwuchs gefährlich werden. Wenn sich ein Eindringling bis auf etwa 100 Meter nähert, steigen die Milane hoch auf und attackieren ihn von oben. Meist nimmt das Männchen die weitere Verfolgung auf, während das Weibchen schnell zum Horst zurückkehrt.

Nachdem sie ihr elterliches Nest verlassen haben, ist ihr Leben nicht weniger mühsam. Wenn junge Milane auf der Suche nach Nahrung sind, müssen sie sich häufig ausruhen. Schnell sind dann die ersten Krähen da, die ihr Revier verteidigen wollen. Zwar sind Milane sehr geschickte Flieger, doch die Krähen erweisen sich als zähe Plagegeister. Wie viele andere Greifvögel werden auch die jungen Gabelweihen von den Krähen so lange gemobbt, bis sie entnervt das Weite suchen.

Rotmilane sind gesellig, verspielt – und bedroht

Außerhalb der Brutzeit sind die Rotmilane sehr gesellig und zeigen kein territoriales Verhalten. Sie finden sich gerne in größeren Schlafgesellschaften zusammen. Mehrere hundert Individuen können dabei zusammenkommen. Auch gemeinsame Jagdausflüge sind dann an der Tagesordnung. Häufig lässt sich dabei spielerisches Verhalten beobachten. Die Milane necken sich gegenseitiges, vollführen synchrone Flugspiele oder brechen im Flug Zapfen von Nadelbäumen ab, um sie daraufhin einfach fallen zu lassen.

Gabelweihe © Marcel Gluschak
Die Abendsonne lässt die roten Federn des Rotmilans leuchten. © Marcel Gluschak

Den Rotmilan gibt es nur in Europa. Insgesamt existieren etwa 19.000 bis 25.000 Brutpaare. Über die Hälfte von ihnen, etwa 10.000 bis 14.000 Paare, sind über die warmen Monate hinweg in Deutschland zuhause, um hier zu brüten. Deshalb hängt die Zukunft der Rotmilane vor allem davon ab, wie gut sich der Rotmilan in unserer Landschaft halten kann.

Um sich in seinem Lebensraum wohlzufühlen, braucht der Rotmilan vor allem eines: Vielfalt. Er brütet bevorzugt in offenen Landschaften, die von kleinen Wäldern und Gehölzen durchzogen sind. Seiner Beute wiederum stellt er vor allem im offenen Kulturland nach, im Grasland und in Feuchtgebieten. Weil die Kombination aus passendem Brut- und Jagdgebiet immer seltener wird, scheuen die Rotmilane auch nicht davor zurück, Aas an Autobahnen zu verzehren oder sich ihre Nahrung auf Mülldeponien zu suchen. Doch das hilft den “Roten Drachen” nicht, auf Dauer zu bestehen.

Die Bestände des Rotmilans sind in Deutschland seit den 90er Jahren um etwa ein Drittel zurückgegangen. Die Intensivierung und Umstellung der Landwirtschaft hat ihre Nahrungsquellen schrumpfen lassen. Alte Bäume, die sich zum Nestbau eignen, werden seltener. Und auch die vermehrten Unfälle an Windrädern und Freileitungen gefährden den Gabelschwanz. Dabei liegen wissenschaftlich fundierte Konzepte vor, wie sich der Ausbau der Windkraft und der Schutz von Zug- und Greifvögeln vereinbaren lassen. Und auch eine ökologische und den Artenschutz unterstützende Landwirtschaft kann uns satt machen. Es gibt also eine große Chance, dass uns der Rotmilan – und mit ihm viele weitere Tierarten – erhalten bleibt.

Ich arbeite beim WWF Deutschland und bin dort zuständig für das Jugendprogramm. Nebenberuflich absolviere ich eine Ausbildung zum Naturerlebnispädagogen bei CreNatur sowie zum Wildnispädagogen bei der Wildnisschule Hoher Fläming. Ich liebe es, in der Natur unterwegs zu sein, ob zu Fuß, im Kanu oder mit dem Fahrrad. Es vergehen schnell Stunden, in denen ich mich ausdauernd in der Naturfotografie ausprobiere oder einfach den Moment genieße, beobachtender Teil der Natur zu sein. Achtsamkeit, Respekt für die Natur und Begeisterung für ihre Schönheit liegen mir sehr am Herzen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.