Herbst

Das Versteckspiel der Eichhörnchen

Knabberndes Eichhörnchen © Marcel Gluschak
Eichhörnchen sind Meister im Verstecken und Wiederfinden. © Marcel Gluschak

Wenn im Herbst die Früchte und Samen reifen, ist es für viele Tiere höchste Zeit, sich auf den Winter vorzubereiten. Schon ab Spätsommer sind die Eichhörnchen sehr aktiv und “ernten” unermüdlich Nussbäume. Da sie keinen Winterschlaf halten, müssen die “Pinselohren” im Herbst Vorräte für die kalte Jahreszeit anlegen. Dabei legen sie bis zu 10.000 Verstecke an, in denen sie die Schätze verbuddeln! Wie behalten sie da nur den Überblick?

Eichhörnchen, die “Kobolde des Waldes”

Das bei uns heimische Eichhörnchen (das Eurasische Eichhörnchen, Sciurus vulgaris) kann bis zu 10 Jahre alt werden. Allerdings überlebt nur etwa jedes vierte oder fünfte Junge das erste Jahr. Es sind vor allem die Fressfeinde wie der Baummarder, die für die Jungtiere eine große Gefahr darstellen.

Auf dem Speiseplan der Eichhörnchen stehen wiederum vor allem Hasel- und Walnüsse sowie Samen aus Fichten- und Kiefernzapfen. Auch Bucheckern, Beeren, Pilze, Knospen und Triebe frischer Zweige, Rinde oder Sonnenblumenkerne futtern Eichhörnchen mit Vorliebe. Eicheln sind weniger beliebt, da sie viele Bitterstoffe enthalten. Trotzdem fressen Eichhörnchen auch Eicheln, wenn der Hunger groß ist oder wenn sie länger am Boden herumliegen und die Bitterstoffe ausgewaschen sind.

Was viele nicht wissen und den niedlichen “Kobolden des Waldes” gar nicht zutrauen wollen: Eichhörnchen gehen auch als Nesträuber auf Beutezug und fressen nicht selten Jungvögel und Eier. Auch Würmer, Insekten, Larven und Schnecken gehören zu ihrem Nahrungsspektrum. Als anpassungsfähige Allesfresser und geschickte, tagaktive Baumbewohner haben sich Eichhörnchen als häufige Tierart in unseren Wäldern und Parks etabliert. Auffallend sind ihre “Pinselohren” und der circa 25 cm lange, und damit fast Körperlänge erreichende, buschige Schwanz.

Eichhörnchen auf einer Astgabel © Marcel Gluschak
Eichhörnchen können innerhalb weniger Sekunden Nüsse knacken. © Marcel Gluschak

Zum Schlafen und Ruhen bauen Eichhörnchen Nester, die Kobel genannt werden. Diese hohlkugelförmige Bauten aus Zweigen, Nadeln und Blättern, innen ausgepolstert mit Moos und Grashalmen, werden in der Regel in Höhen über sechs Metern errichtet. Es dauert etwa drei bis fünf Tage, bis das kugelige Nest fertig ist. Von diesen Kunstwerken bauen die Nager gleich bis zu acht Stück, um zwischen ihren Nestern hin und her wechseln zu können. Wenn sich zum Beispiel Parasiten (Flöhe und Läuse) eingeschlichen haben, ist die nächste fertige Unterkunft schon bereit. Es gibt Schlafkobeln für die Nacht und Schattenkobeln für Ruhephasen am Tag. Eichhörnchen zeigen sich flexibel: Auch verlassene Spechthöhlen oder verlassene Vogelnester können als Rastplatz dienen.

Eichhörnchen halten keinen Winterschlaf, und anders als andere Nager fressen sie sich keinen Winterspeck an. Deshalb müssen sie im Winter jeden Tag ihren Kobel verlassen und ihre ein- bis zweistündige Aktivitätsphase nutzen, um Nahrung aus einem ihrer vielen Verstecke zu holen. Hierfür haben sie in den Vormonaten hart geschufftet.

Eichhörnchen folgen einer inneren Schatzkarte

Wenn im Herbst die Eicheln und Bucheckern von den Bäumen fallen, verstecken die Eichhörnchen diese protein- und fettreichen Energiepakete in vielen kleinen, verstreut liegenden Depots. Typische Lagerplätze sind dabei kleine Höhlen oder Mulden unter Baumstümpfen oder zwischen Wurzeln. Rund 650 Eicheln wurden schon in so einem Versteck gefunden! Doch der eigentliche Clou bei dieser Strategie ist die Vielzahl der verschiedenen Verstecke. Ein Eichhörnchen kann bis zu 10.000 solcher geheimen Vorratskammern anlegen. Und die meisten davon findet es zielsicher wieder.

Doch wie merken sich die Eichhörnchen, wo welche Nüsse versteckt sind? Dieses Geheimnis ist bis heute nicht restlos geklärt. Zwar verfügen die Tiere über einen guten Geruchsinn, der ihnen hilft, Nüsse sogar unter einer Schneedecke wiederzufinden. Doch dieser Sinn hilft ihnen nur, wenn sie sich schon in unmittelbarer Nähe des Verstecks befinden. Offenbar können sich Eichhörnchen merken, wo ihre Verstecke liegen. Für so ein kleines Tier eine erstaunliche kognitive Leistung – zumal der Waldboden, wenn alles Laub gefallen ist, anders erscheint als zuvor.

Eichhörnchen © Marcel Gluschak
Ständig auf der Suche nach einem perfekten Ort zum Verstecken. © Marcel Gluschak

Forscher vermuten, dass sich Eichhörnchen anhand markanter Stellen orientieren. Große Felsen, umgefallene Baumstämme oder krumm gewachsene Gehölze können hilfreiche Gedächtnisstützen sein. Die Beute wird offenbar nicht wahllos verstreut versteckt. Eichhörnchen wählen ihre Vorratskammern mit Bedacht und sortieren die Eicheln, Nüsse und andere energiereiche Leckereien fein säuberlich. Auf diese Weise gelingt es ihnen, bis zu 75% des versteckten Proviants wiederzufinden.

Erfahrene Eichhörnchen sind hierbei klar im Vorteil. Diejenigen, die sich nicht genug Verstecke merken können – meist der diesjährige Nachwuchs – verbrauchen zu viel Energie beim Suchen und erleben das nächste Frühjahr nicht mehr, weil sie verhungern. Dies ist der zweite Grund, weshalb es viele Eichhörnchen nicht über das erste Lebensjahr hinaus schaffen. Manchmal findet man mahnende Hinweise auf dieses Ausleseprinzip der Natur: kleine, dichte Büschel von austreibenden Buchen, die eigentlich nur einzeln keimen. Diese Bucheckernverstecke wurden wohl nicht wiedergefunden.

Doch auch für erfahrene Eichhörnchen, die die meisten ihrer Vorräte wiederfinden, reichen diese insgesamt nur für einen Zeitraum von etwa einem Monat. Die vielen Depots sind also kein Lager für den gesamten Winter, sondern sind lediglich für Schlechtwettertage gedacht. Soweit es nicht zu windig, zu kalt oder zu verschneit ist, begeben sich die Tiere auch im Winter in den Baumkronen weiter auf Nahrungssuche, auch wenn das Angebot dort kärglich ausfällt.

Eichhörnchen beim Knabbern einer Nuss © Marcel Gluschak
Qualitätskontrolle gehört dazu – Eichhörnchen prüfen immer wieder ihre Vorräte und vergraben sie neu. © Marcel Gluschak

Gelegentlich kann man auch beobachten, wie Eichhörnchen ihre Depots ausgraben, die Qualität überprüfen und dann erneut vergraben. Dieser noble Ordnungssinn lässt uns staunen. Doch die Waldkobolde können auch anders. Es kommt durchaus vor, dass Eichhörnchen auch die Winterdepots ihrer Artgenossen plündern. Bei den verwandten Grauhörnchen haben Wissenschaftler inzwischen Täuschungsmanöver beobachtet, die vor Diebstahl schützen sollen. Die Tiere legen leere Deports an, um ihre Artgenossen in die Irre zu führen – und dies nur dann, wenn sie sich beobachtet fühlen.

Wir kennen ähnliche Tricks auch von den Vögeln. Da stößt eine Blaumeise schon mal ein Alarmruf aus, obwohl gar kein Feind in der Nähe ist. Während sich die Artgenossen ins Dickicht retten, kann sich der Betrüger in Ruhe einer attraktiven Nahrungsquelle zuwenden. Dem gegenüber steht das noble Verhalten des Eichelhähers. Er gehört zu den besonders fleißigen Sammlern der Herbstzeit und überbietet dabei sogar das Eichhörnchen. Ein Eichelhäher deponiert bis zu 11.000 Eicheln und Bucheckern im weichen Waldboden. Bis in den Frühling hinein zehrt er davon und nutzt den Vorrat sogar zur Aufzucht seiner Küken. Auch hier rätselt die Wissenschaft, wie der Eichelhäher die enorme kognitive Leistung erbringt und fast jedes einzelne der Tausenden Depots mit einem einzigen Schnabelhieb wiederfindet.

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen

Nüsse zu knacken ist schon für unsere Hände nicht immer leicht. Wie schaffen dann die kleinen Eichhörnchen diese Kraftleistung? Die Nagetiere sind mit spitzen Schneidezähne bewaffnet. Diese schärfen sich selbst und wachsen wegen der starken Beanspruchung ständig nach. Eichhörnchen öffnen Haselnüsse und Walnüsse innerhalb weniger Sekunden. Mit den unteren Schneidezähnen nagen sie mit schabenden Bewegungen zunächst ein Loch in die Nuss. Ist das Loch groß genug, platzieren sie die unteren Schneidezähne wie einen Hebel. Nun kommt ein besonderer Muskel zum Einsatz, der die Schneidezähne auseinanderschieben kann. Auf diese Weise sprengen sie ein Stück Schale heraus. Diese Fähigkeit ist nicht angeboren, sie muss von den Eichhörnchen erlernt werden.

Eichhörnchen verbrauchen die Samen von bis zu 100 Fichtenzapfen pro Tag. Auch hierfür nutzt das Eichhörnchen seine starken Schneidezähne. Um die nahrhaften Samen unter den Schuppen der Fichtenzapfen freizulegen, dreht es den Zapfen in seiner Hand und reißt mit den Schneidezähnen die Schuppen ab. Mäuse sind hierzu nicht in der Lage – Sie müssen die Schuppen Stück für Stück abbeißen, um an die Samen zu gelangen. Mit diesem Wissen kann man angenagte Zapfen leicht zuordnen. Diejenigen, die von Mäusen angeknabbert wurden, sehen ordentlich bearbeitet aus. Das rabiate Vorgehen der Eichhörnchen hinterlässt mehr Fransen.

Zapfen, angefressen von Eichhörnchen, Maus und Buntspecht © Marcel Gluschak
Wer hat hier geknabbert? Bei Fichtenzapfen, die Eichhörnchen anknabbern (links), erkennt man Reste der Schuppen. Mäuse hinterlassen hingegen eine sehr sauber abgeknabberte Spindel (Mitte). Auch Buntspechte fressen gerne Samen. Sie hacken so lange auf den Zapfen herum, bis die Samen frei liegen. Die von ihnen bearbeiteten Zapfen sind voller Löcher und stark zerzaust (rechts).

Da die Nager auf die Samen, Triebe und Knospen von Bäumen angewiesen sind, braucht es genügend alte Bäume im Wald. Kiefern und Fichten produzieren erst nach etwa 20 Jahren Samen, Buchen sogar erst nach 80 Jahren. Eichhörnchen benötigen daher alte Baumbestände, um satt zu werden. Da die Samenbildung von Jahr zu Jahr variiert, bieten alte Misch- und Laubwälder ein sicheres und abwechslungsreiches Nahrungsangebot. Auch wenn Eichhörnchen noch überall zu finden sind, bedeutet die Intensivierung der Forstwirtschaft für sie eine Gefahr, denn naturnahe Wälder mit alten Bäumen werden zunehmend kleiner.

Vorräte anlegen und Bäume pflanzen

Und was wird aus den unzähligen Eicheln, Eckern und Nüssen, die die Eichhörnchen nicht wiederfinden? Klar: Hier wachsen im nächsten Jahr neue Bäume. Für die Buchen und Eichen ist das Bündnis mit der Tierwelt eine Erfolgsgeschichte. Schließlich fallen ihre schweren Früchte direkt auf den Waldboden, anstatt wie etwa bei der Pappel oder beim Ahorn vom Wind weitergetragen zu werden. Nur dadurch, dass die Tiere die Samen wegschleppen und andernorts verbuddeln, ist es diesen Baumarten überhaupt möglich, sich auszubreiten.

Ein Eichhörnchen verteilt Samen im Umkreis von ein paar Hundert Metern. Der Eichelhäher transportiert Eicheln und Bucheckern sogar einige Kilometer weit. Mäuse vergraben ihre Vorräter hingegen nur wenige Meter vom Baum entfernt. In ihrem Zusammenspiel wirken sie daran mit, dass auch diese Baumarten weiterkommen – wenn auch in einem sehr behäbigen Tempo. Die Rotbuche etwa breitet sich auf diese Weise mit einem Ausbreitungstempo von 300 Metern pro Jahr aus. In der Praxis hindern natürlich Barrieren wie Straßen und Siedlungen sowie die Forstwirtschaft und andere menschliche Eingriffe die Bäume daran, nach und nach unsere Landschaft in einen geschlossenen Wald zu verwandeln. Das emsige Eichhörnchen jedoch scheint sich in seinem Tun davon nicht beeindrucken zu lassen. Jahr für Jahr vergräbt jedes einzelne wieder Tausende Samen und baut sich somit seinen eigenen Lebensraum ein Stück weit selbst.

Wer Eichhörnchen beim Nisten und bei der Nahrungssuche unterstützen will, findet hier einige Tipps.

Ich arbeite beim WWF Deutschland und bin dort zuständig für das Jugendprogramm. Nebenberuflich absolviere ich eine Ausbildung zum Naturerlebnispädagogen bei CreNatur sowie zum Wildnispädagogen bei der Wildnisschule Hoher Fläming. Ich liebe es, in der Natur unterwegs zu sein, ob zu Fuß, im Kanu oder mit dem Fahrrad. Es vergehen schnell Stunden, in denen ich mich ausdauernd in der Naturfotografie ausprobiere oder einfach den Moment genieße, beobachtender Teil der Natur zu sein. Achtsamkeit, Respekt für die Natur und Begeisterung für ihre Schönheit liegen mir sehr am Herzen.

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