Sommer

Sind Wildschweine gefährlich?

Ein junges Wildschwein zwischen Gras © Marcel Gluschak
Junges Wildschwein © Marcel Gluschak

Viele Menschen haben Angst davor, im Wald Wildschweinen zu begegnen. Die bulligen Tiere sind schneller als wir, und ihre messerscharfen Hauer können durchaus lebensgefährliche Verletzungen verursachen. Mir sind diese Woche im Wald gleich sechs Wildschweine sehr nahe gekommen. Gefährlich war diese Tier-Begegnung jedoch nicht. Welche Spuren hinterlassen Wildschweine? Und wie sollte man sich bei einer Begegnung mit Wildschweinen verhalten?

Borstig, intelligent und sehr anpassungsfähig – Das Wildschwein (Sus scrofa) ist in unseren Wäldern sehr häufig vertreten. Die Winter sind milder geworden, Jäger füttern das ganze Jahr hindurch, und zusätzlich gibt es mit dem verstärkten Anbau von Mais noch mehr Kraftfutter durch die Landwirtschaft. Das alles hat dazu geführt, dass sich das Schwarzwild, wie man die Wildschweine in der Jägersprache nennt, in den vergangenen Jahrzehnten vervielfacht hat. Wildschweine sind Allesfresser und wandern zunehmend auch in besiedelte Bereiche ein, was Konflikte mit den Menschen hervorrufen kann.

Wo Wildschweine sich wohl fühlen

Es ist also gar nicht so unwahrscheinlich, Wildschweinen nahe zu kommen. Großflächig zerfurchter und umgegrabener Waldboden hat sicher jeder schon gesehen. Er ist ein untrügliches Zeichen: Hier waren Wildschweine auf der Nahrungssuche. Die Schnauze des Wildschweins ist ein ganz erstaunliches Werkzeug. Unsereins würde sich sofort eine blutige Nase holen, Wildschweine hingegen können mit ihrem “Gebrech” den teils verwurzelten Waldboden regelrecht aufbrechen und ausdauernd durchwühlen.

Wildschweine halten sich gerne in solch einer Schlammsuhle auf © Marcel Gluschak
Zerwühlter Waldboden, zerbrochene Äste und Schlammpfützen – ein Wildschweinparadies. Manchmal riecht es hier nach Maggi. © Marcel Gluschak

Dabei sucht das Wildschwein nach essbaren Wurzeln, Würmern, Engerlingen, Mäusen, Schnecken, Pilzen, Eicheln und Bucheckern. Das Schwarzwild vertilgt ebenso die Blätter, Triebe und Früchte zahlreicher Pflanzen, und es verschmäht weder Aas, noch die Eier und Jungvögel bodenbrütender Vögel. Es gibt Beobachtungen von Wildschweinen, die Kaninchenbaue aufbrechen, um die Jungkaninchen zu fressen. An trockengefallenen Gewässern fressen sie sogar Muscheln.

Wildschweine lieben es, sich in Schlammlachen zu suhlen. Besonders im Sommer können sie sich auf diese Weise abkühlen. Der Schlamm wirkt aber zudem als Schutz gegen Hautparasiten und stechende Insekten. Wenn das Schlammbad noch nicht lange zurückliegt, liegt hier auch der typische Wildschweingeruch in der Luft, der mich immer an Maggi erinnert.

Körperabdruck mit Fellstruktur eines Wildschweins im Schlamm © Marcel Gluschak
In einer Wildschweinsuhle sind manchmal sogar Körperabdrücke und Fellstrukturen sichtbar. © Marcel Gluschak

Im Schlamm der Suhlplätze sind dann auch oft die Trittsiegel der Paarhufer gut zu erkennen. Wildschweine haben wie Hirsche Klauen. Sie verfügen über vier Zehen, wobei die beiden mittleren groß und kräftig sind. Die beiden hinteren Oberklauen sind schwächer, aber normalerweise deutlich als seitliche Abdrücke zu erkennen. Bei erwachsenen Tieren sind die Trittsiegel 5 bis 8 cm lang und 4 bis 6 cm breit – sie wirken proportional breiter als die von Hirschen. Ein weiteres typisches Kennzeichne ist das “V” vorne zwischen den beiden mittleren Zehen. Wer in die Welt des Fährtenlesens eintauchen will, findet hier schöne Beispiele für Wildscheinspuren und Fährten anderer Tiere.

Ein Baumstamm mit viel Harz, den wahrscheinlich Wildschweine bearbeitet haben © Marcel Gluschak
Manche Bäume werden schwer zugerichtet, um an das wohltuende Harz zu kommen. © Marcel Gluschak

Ein weiteres klares Zeichen für die Anwesenheit von Schwarzwild sind die “Malbäume”, an denen die Wildschweine sich reiben. Manche Stämme wirken vom abgestreiften Schlamm wie angepinselt. Vor allem Eichen, Kiefern und Fichten wählt das Schwarzwild gerne hierfür aus, da deren grobe Rinde besonders effektiv kratzt. Mitunter löst sich die Rinde ab, wenn die Wildschweine sich immer wieder gegen den Stamm lehnen und ihren Körper daran reiben. Es kommt auch vor, dass manche Baumstämme zusätzlich mit den Hauern bearbeitet werden, um die Baumverletzung noch zu vergrößern. Das austretende Harz ist ein besonders wirksamer Schutz gegen Ungeziefer.

Wildschweinhaar an einem Baumstamm © Marcel Gluschak
Wo sich Wildschweine gerne reiben, bleiben auch mal Haare hängen. © Marcel Gluschak
Eine Wildschweinborste auf der Hand © Marcel Gluschak
Wildschweinhaar mit hellerer und aufgespalteter Spitze. © Marcel Gluschak
Eine Wildschweinborste mit typisch aufgespaltener Spitze © Marcel Gluschak
Wildschweine haben Spliss – stören sich aber vermutlich weniger daran als unsere Spezies. © Marcel Gluschak

An solchen Scheuerstellen findet man oft Wildschweinhaare. Ihre Spitzen sind in der Regel gespalten. Im Frühjahr verliert das Wildschwein sein langes, dichtes und dunkelgraues Winterfell. Das kürzere, wollhaarfreie Sommerfell hat hell gefärbte Haarspitzen. Der Fellwechsel findet in einem Zeitraum von etwa drei Monaten statt und beginnt bei uns in den Monaten April bis Mai. In ihrem Sommerfell wirken Wildschweine wesentlich schlanker. Das war auch mein erster Gedanke, als plötzlich sechs Wildschweine meinen Weg kreuzten. Sie wirkten geradezu zierlich, als sie sich durch das hohe Gras bewegten.

Sechs Wildschweine, aufgereiht wie eine Scoutline

Vom Waldweg führt ein kleiner Pfad Richtung Süden, in ein lichteres Waldgebiet mit hohen Gräsern. Ich beschließe spontan, dort weiterzugehen. Nach vielleicht 200 Metern höre ich es rascheln – und plötzlich traben sechs Wildschweine in entgegensetzter Richtung an mir vorbei. Sie sind höchstens 10 Meter von mir entfernt. Ich halte den Atem an. Die borstigen Rücken und pinseligen Ohren streifen zügig, aber nicht hektisch durch das hohe Gras. Dann biegen die Wildschweine nach rechts ab und bleiben dort stehen.

Ein junges Wildschwein im Gras © Marcel Gluschak
Zuerst sehe ich nur die Puschelohren, dann die borstigen Rücken der Rotte… © Marcel Gluschak
Wildschweingruppe im Gras © Marcel Gluschak
…die hintereinander wie in einer Scoutline durchs Gras trabt, sich sammelt… © Marcel Gluschak
Flüchtende Wildschweine © Marcel Gluschak
…und dann im dichten Grün verschwindet. © Marcel Gluschak

Vorsichtig gehe ich zurück in Richtung Hauptweg, die Gruppe immer im Blick. Sie stecken die Köpfe zusammen, so als wollten sie sich darüber austauschen, ob ich gefährlich sei. Für einen langen Moment habe ich das Gefühl, sie wollen in meine Richtung aufbrechen. Mein Herz pocht. Dann aber drehen sie um und verschwinden im Dickicht.

Dankbar für diese wunderbare Tierbegegnung gehe ich mit einem breiten Grinsen im Gesicht zurück zum Hauptweg. Schon nach wenigen Metern kreuzen sich unsere Wege erneut, und ich kann diesmal deutlicher ihre Gestalt erkennen. Die Tiere scheinen mir recht jung zu sein. Und sie zeigen sich mir gegenüber gar nicht aggressiv, aber auch nicht wirklich ängstlich. Sie machen den Eindruck, neugierig zu sein, vielleicht bin ich ihnen auch einfach suspekt, und daher beschließen sie erneut, sich ins dichte Grün zurückzuziehen.

Drei Wildschweine kreuzen den Waldweg © Marcel Gluschak
Wieder taucht die Scoutline auf. © Marcel Gluschak
Ein junges Wildschwein hinter einem Baumstamm © Marcel Gluschak
Mit ihrer langen Schnauze können Wildschweine auch festen Boden tief umgraben © Marcel Gluschak
Ein Wildschwein im Sommerfell © Marcel Gluschak
Im Sommerfell wirken Wildschweine deutlich schlanker. © Marcel Gluschak

Wenn Wildschweine als Gruppen zusammenleben, handelt es sich entweder um eine Mutterfamilie, einen Harem oder eine Gruppe vorjähriger Tiere. Erwachsene männliche Tiere sind hingegen als Einzelgänger unterwegs. Die typischste Form des Zusammenlebens ist die Mutterfamilie, die aus einem Weibchen mit ihrem letzten Nachwuchs besteht. Gelegentlich bleibt der weibliche Nachwuchs des Vorjahres bei der Mutter und führt dann mitunter auch schon eigenen Nachwuchs. Die ursprüngliche Mutter ist in einem solchen Sippenverband das Leittier.

Kurzer Exkurs ins Wildschwein-Vokabular

Aus der Jägersprache kommen viele differenzierte Begriffe zur Beschreibung der Wildtiere. Männliche Wildschweine werden “Keiler” genannt. Ein starker, älterer Keiler ab dem fünften oder sechsten Lebensjahr wird als “Basse” oder “Hauptschwein” bezeichnet. Das weibliche Wildschwein heißt “Bache”. Von ihrer Geburt bis zum zwölften Lebensmonat nennt man männliche sowie weibliche Wildschweine “Frischling”. Ab dem 13. bis zum 24. Lebensmonat werden junge Wildschweine als “Überläufer”, genauer als “Überläuferbache” bzw. “Überläuferkeiler”, bezeichnet.

Wildschweine im Sommerfell © Marcel Gluschak
Wildschweine sind gerne als Gruppe unterwegs – nur erwachsene Keiler sind Einzelgänger. © Marcel Gluschak

Die Gruppe, die ich gesehen habe, schien aus gleichaltrigen jüngeren Tieren zu bestehen, eine erfahrene Bache war nicht dabei. Es könnte also eine Gruppe von vorjährigen Männchen gewesen sein. Diese werden von den Bachen nur etwa eineinhalb Jahre in der Rotte geduldet. Sie schließen sich zu sogenannten “Überläuferrotten” zusammen. Wer in dieser Rotte das Sagen hat, haben die einzelnen Tiere bereits in ihren Kindertagen ausgekämpft.

Ab dem dem zweiten Lebensjahr lösen sich dann die Überläuferrotten auf, und die Männchen ziehen als Einzelgänger durchs Revier. Während der Paarungszeit von November bis Januar schließen sie sich einzelnen Mutterfamilien an. Doch sie leben dann nicht im engen Verbund, der Kontakt zwischen dem Männchen und der Mutterfamilie bleibt eher lose. Der Keiler ruht nicht im gemeinsamen Lager und das Leitweibchen führt die Gruppe.

Bei der Gruppe, die mir begegnet ist, könnten aber auch Weibchen dabei gewesen sein. Gelegentlich lassen sich auch Gruppen vorjähriger Tiere beobachten, in denen männliche und weibliche Tiere zusammenleben. Sie treten dann auf, wenn ein Jäger das Mutterweibchen geschossen hat oder die Bache eines natürlichen Todes starb. Solche untypischen Gruppen lösen sich in der nächsten Paarungszeit auf.

Wie verhalte ich mich richtig, wenn ich einem Wildschwein begegne?

Keine Frage: Wildschweine können gefährlich sein. Die unteren Eckzähne eines Keilers können 10 cm oder sogar länger aus dem Kiefer herausragen. Durch das ständige aneinander Schleifen der oberen und unteren Eckzähne sind sie messerscharf. Aber: Menschen gehören nicht zum Beutespektrum des Schwarzwildes. Es ist ausgeschlossen, dass Wildschweine Menschen angreifen, um ihren Hunger zu stillen.

Und: Wildschweine haben einen hervorragenden Geruchssinn und sehr gute Ohren. Sie haben dich längst gewittert, bevor du sie siehst, und sind deshalb auch nicht großartig überrascht, dich zu sehen. Wildscheine greifen nur an, wenn sie sich überfallen, bedroht oder in die Enge getrieben fühlen. Sicher unterwegs bist du also, wenn du folgende Regeln beachtest:

  • Wenn dir ein Wildschwein begegnet, gehe nicht darauf zu, sondern setze deinen Weg in Ruhe fort. Gewinnt das Wildschwein den Eindruck, ignoriert zu werden, dann weiß es, dass von dir keine Gefahr ausgeht.
  • Tauchen plötzlich Frischlinge auf, gehe ihnen unbedingt aus dem Weg. Wildschweinmütter verteidigen ihre Jungen unter Einsatz ihres Lebens. Du solltest auf keinen Fall zwischen sie und die Frischlinge geraten.
  • Triffst du auf ein verletztes Wildschwein – z.B. eines, das von einem Auto angefahren wurde – dann halte dich auf jeden Fall fern. Verletzte Wildschweine reagieren sehr aggressiv und können unvermittelt angreifen. Ziehe dich zurück und informiere die Polizei vor Ort.
  • Kommt es zum Äußersten und du stehst einem Wildschwein gegenüber, dass mit gesenktem Haupt und Schnauben Angriffsbereitschaft signalisiert, dann bleibe ruhig. Hektische Bewegungen könnte das Tier als Bedrohung wahrnehmen. Laufe keineswegs davon – Wildschweine sind schnellere Läufer und außerdem hervorragende Schwimmer. Gehe langsam rückwärts und rede dabei ruhig auf das Tier ein. Wichtig ist, dass du genug Abstand zum Wildschwein aufbaust – so fühlt es sich sicher.

Diese Extremsituation ist jedoch äußerst unwahrscheinlich. Meldungen von Wildschweinen, die Wanderer im Wald angreifen, gibt es selten. Meist passiert dies unvorsichtigen Personen, und zwar im Winter, wenn die Keiler auf Paarungssuche sind, sowie im Frühjahr, wenn Bachen ihren Nachwuchs bekommen haben. Wer auf der Hut ist und sich achtsam im Wald bewegt, braucht sich nicht vor Schwarzwild zu fürchten.

Ich arbeite beim WWF Deutschland und bin dort zuständig für das Jugendprogramm. Nebenberuflich absolviere ich eine Ausbildung zum Naturerlebnispädagogen bei CreNatur sowie zum Wildnispädagogen bei der Wildnisschule Hoher Fläming. Ich liebe es, in der Natur unterwegs zu sein, ob zu Fuß, im Kanu oder mit dem Fahrrad. Es vergehen schnell Stunden, in denen ich mich ausdauernd in der Naturfotografie ausprobiere oder einfach den Moment genieße, beobachtender Teil der Natur zu sein. Achtsamkeit, Respekt für die Natur und Begeisterung für ihre Schönheit liegen mir sehr am Herzen.

1 Kommentar

  • Cristina Camarata

    Das ist wieder ein spannender Bericht! Als wäre man mitgegangen auf Spurensuche. Bei der lebendigen Schilderung der Begegnung mit der “Überläuferrotte” hat auch mein Herz geklopft! 😅
    Eine sehr schöne Schilderung und Beschreibung ihrer Sozialstrukturen und ihres Verhaltens.
    Die tollen Fotos – echte Schnappschüsse – zeigen, wie nah die spontane Begegnung war. Da ist es wirklich gut zu wissen, wie man sich am besten verhält. Vielen Dank deshalb für die guten Ratschläge, denn da die Wildschweine auf ihrer Nahrungssuche immer mehr auch in Städtische Gebiete einziehen, können wir ihnen praktisch alle begegnen, auch wenn wir nicht in den Wäldern und Naturschutzgebieten unterwegs sind… Und man sieht an diesem schönen Beispiel, dass besonnenes Handeln und Achtsamkeit immer am besten sind. 💚

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