Sommer

Der Eichen-Zangenbock

Eichen-Zangenbock auf Eichenrinde © Marcel Gluschak
Der Eichen-Zangenbock ist ein Käfer aus der Familie der Bockkäfer. © Marcel Gluschak

Wer zwischen Mai und Juli in Wäldern unterwegs ist, in denen es alte Eichen gibt, hat die Chance, diesen großen und eher seltenen Vertreter der Bockkäfer zu treffen. Der Eichen-Zangenbock (Rhagium sycophanta) wird bis zu 3 cm groß und ist somit die größte der vier mitteleuropäischen Rhagiumarten. Er wird auch Großer Laubholz-Zangenbock oder Großer Zangenbock genannt. Zweifelsohne haben seine großen Mundwerkzeuge (Mandibeln) ihm diese Namen verliehen.

Weiterhin auffällig sind die Längsrippen auf den Deckflügeln und das darunter deutlich gefleckte Muster. Es entsteht durch die fleckig verteilten, gelbbraunen Haarbüschel und die draunter liegenden schwarzbraunen Flügeldecken. Und noch ein Merkmal ist besonders: Zwischen Schulter und Halsschild befinden sich zwei dornige Beulen, sowie bei den Weibchen hinter den Augen merkwürdig verdickte Schläfen.

Leicht zu verwechseln ist dieses Insekt mit dem Schrotzangenbock (Rhagium mordax), auch Schwarzfleckiger Zangenbock genannt. Dieser hat jedoch seinem Namen entsprechend hinter der ersten Querbinde einen schwarzen Fleck und ist auch etwas kleiner ist als der Eichen-Zangenbock.

Eichen-Zangenbock auf altem Baum © Marcel Gluschak
Der Eichen-Zangenbock gehört zu den größten Bockkäfern in unseren Wäldern. © Marcel Gluschak

Das Leben des Eichen-Zangenbocks beginnt unter der Rinde von Eichenstümpfen, gefällten oder beschädigten Eichen. Während sich die Larve ein bis zwei Jahre nur vom Holz ernährt (man spricht von xylobionten Larven), frisst sie breite Gänge durch das Holz. Dann baut sie eine schüsselförmige Wiege, die von groben Holzspänen kreisförmig eingefaßt ist. Hier vollzieht der Zangenbock als Puppe eine faszinierende Verwandlung. Neu geboren als geschlechtsreifes Vollinsekt (Imago) nagt sich der fertige Bockkäfer anschließend durch die Rinde nach draußen und sieht zum ersten Mal das Sonnenlicht.

In der Freiheit angekommen besteht das kurze Leben des Eichen-Zangenbocks vor allem darin, einen Partner bzw. eine Partnerin zu suchen, sich fortzupflanzen und Eier in Holzritzen zu legen. Das macht natürlich hungrig, doch Holz steht bei den Imagines nicht mehr auf dem Speiseplan. Vielmehr verzehren sie nun Blüten und Pollen, am liebsten von Doldenblüten. Daher kann man die beeindruckenden Käfer mit hoher Wahrscheinlichkeit sowohl an Eichen als auch an blühenden Sträuchern und Gehölzen entdecken.

Der Eichen-Zangenbock hat viele bunte Verwandte. Einen Eindruck von der Vielfalt der Bockkäfer bietet diese Fotoübersicht.

Die Bockkäfer (Cerambycidae) sind in der Regel ausgezeichnete Flieger. Ihren Namen erhielten sie wegen ihrer besonders langen, gegliederten Fühler, die meist nach hinten gebogen sind und somit an die Hörner eines Steinbocks erinnern. Bei vielen Bockkäfern sind diese sogar länger als ihre meist langen, schlanken Körper. Beim Eichen-Zangenbock sind sie jedoch vergleichsweise kurz.

Von bunten Böcken, Trommlern und Riesenkäfern

Die Bockkäfer sind eine besonders artenreiche Familie der Käfer. Weltweit sind etwa 26.000 Arten bekannt. Hierzu gehört auch der größte bekannte Käfer, der Riesenbockkäfer (Titanus giganteus) aus Brasilien. Er erreicht eine Körperlänge von bis zu 17 cm – die Fühler nicht mitgemessen! In Mitteleuropa kennen wir rund 250 Arten.

Während der Eichen-Zangenbock eher eine zurückhaltende Körperfarbe besitzt, sind manche seiner Verwandten krass bunt. Da gibt es zum Beispiel den leuchtend roten, 2 cm großen Purpurbock (Purpuricenus kaehleri, auch Blutbock), den intensiv hellblauen, knapp 4 cm langen Alpenbock (Rosalia alpina), den metallisch grünen, 3,5 cm langen Moschusbock (Aromia maschata) oder die Wespenböcke (Gattung Plagionotus), die sich mit ihrer schwarz-gelb gestreiften Warnfärbung vor Feinden schützen. Von dieser effektiven Form der Tarnung hast du sicher schon gehört: Wir nennen sie Mimikry.

Viele Bockkäfer-Arten verstehen sich noch auf eine andere Art der Abschreckung. Sie sind in der Lage, unheimliche Geräusche zu erzeugen, indem sie den vorderen gegen den mittleren Brustabschnitt reiben. Der Große Eichenbock (Cerambyx cerdo) erzeugt die ganze Nacht hindurch derartrige Geräusche. Der Trommler (Nothorhina muricata) klemmt sich sogar in Rindenspalten von Kiefern und schlägt mit rüttelnden Bewegungen seines gesamten Körpers gegen die Rinde. Dabei kann es zu einem Wechselgesang von zwei oder mehr Käfern kommen.

Ich arbeite beim WWF Deutschland und bin dort zuständig für das Jugendprogramm. Nebenberuflich absolviere ich eine Ausbildung zum Naturerlebnispädagogen bei CreNatur sowie zum Wildnispädagogen bei der Wildnisschule Hoher Fläming. Ich liebe es, in der Natur unterwegs zu sein, ob zu Fuß, im Kanu oder mit dem Fahrrad. Es vergehen schnell Stunden, in denen ich mich ausdauernd in der Naturfotografie ausprobiere oder einfach den Moment genieße, beobachtender Teil der Natur zu sein. Achtsamkeit, Respekt für die Natur und Begeisterung für ihre Schönheit liegen mir sehr am Herzen.

2 Kommentare

  • Cristina Camarata

    Dieser interessante Beitrag gibt wiederum den “Kleinsten” eine Stimme und zeigt, wie enorm vielfältig allein die Arten der Bockkäfer sind. Die Natur hat so viel Phantasie und bringt so viele verschiedene Formen und Lebensmodelle hervor! Und jedes Lebewesen, jede Art hat ihre Lebensberechtigung und erfüllt einen Sinn im biologischen Gleichgewicht, oder?
    Sicher ist dieser Eichen-Zangenbock kein Schädling und Vernichter von ganzen Eichenbeständen – in ursprünglichen Laub- und Eichenwäldern. Sind sie nicht eher dazu da, sich von abgestorbenen Stämmen zu ernähren, zu deren Zersetzung beizutragen? Oder richten sie in Monokulturen von Eichenwäldern auch größere Schäden an, wie z. B. der Borkenkäfer? Und wer sind ihre natürlichen Fressfeinde?
    Jedenfalls ist sicher keines von diesen bestimmt auch nützlichen Insekten, in einem intakten Biotop, das sich je nach Art von einem bestimmten Naturmaterial in seinem Lebensraum ernähren muss (weil es keine anderen Möglichkeiten hat), so ein Zerstörer wie der Mensch, der sehr wohl die Wahl hat, was er isst und wie er mit den Ressourcen umgeht 😏.

    • Marcel Gluschak

      Vielen Dank für deinen Kommentar. Es ist vollkommen Richtig, dass jedes Tier in der Natur seine wichtige Rolle hat. Große Schäden und Ungleichgewichte treten dann vor allem auf, wenn der Mensch sich einmischt – wie etwa bei den Forstschäden in Monokulturen durch den Borkenkäfer. Der eichen-Zangenbock ist kein Schädling, sondern besiedelt vor allem geschädigte und sterbende Bäume und trägt somit zu deren Zersetzung bei – ein Prozess in der Natur, an dem unzählige Lebewesen mitwirken, und ohne den das Leben nicht möglich wäre. Viele der Bockkäferarten sind abhängig von bestimmten Holzvorkommen oder von Altholzbeständen mit hohem Anteil an Totholz. Da diese Entwicklungsmöglichkeiten für die Larven häufig fehlen, sind einige Arten vom Aussterben bedroht und stehen unter Naturschutz. In der neuesten Fassung der Bundesartenschutzverordnung sind allerdings mit wenigen Ausnahmen alle einheimischen Arten unter Schutz gestellt worden. Zu den Fressfeinden gehören allen voran die Vögel. Fast alle europäischen Vogelarten fressen zumindest gelegentlich Käfer. Weiterhin sind insektenfressende Säugetiere wie Maulwürfe, Igel, Spitzmäuse (und für nachts fliegende Käfer auch die Fledermäuse) zu nennen. Aber auch viele Reptilien, Amphibien und Fische fressen adulte Käfer oder Larven. Und es gibt auch eine ganze Reihe an räuberischen Spinnen und Insekten. Das Leben eines Bockkäfers steckt somit voller Gefahren. Die Lebensraumzerstörung durch uns Menschen ist dabei jedoch sicher die größte Bedrohung.

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