Frühling

Wie ein Wunder: So blüht der Schwarzdorn

Blühender Schwarzdorn © Marcel Gluschak
Und plötzlich ist der dunkle, dornige Schwarzdorn übersäht mit Blüten. © Marcel Gluschak

Hecken sind die Autobahnen für Tiere. Sie bilden grüne Korridore, in denen sich Vögel, Insekten und Kleinsäuger das ganze Jahr über geschützt fortbewegen können. Im Frühling versorgen sie zudem die Insektenwelt mit einem Meer aus Blüten. Als einer der ersten blüht der Schwarzdorn – noch bevor seine Blätter austreiben! Anschließend folgt die Blüte des Weißdorns.

Der Schwarzdorn – eine blühende Festung

Wenn Ende März eine meiner Lieblingspflanzen die Landschaft mit ihren unzähligen weißen Blüten zuckert, geht mir jedes Mal das Herz auf. Wie ein Wunder erscheint es, wenn der Schwarzdorn (Prunus spinosa) plötzlich über Nacht seine überwältigende Blüte entfaltet. Das dornige, schwarze Gehölz hat sich in ein weißes Bollwerk aus Blüten verwandelt. Dieser Kontrast hat schon zu Urzeiten die Menschen fasziniert. Der Schwarzdorn galt lange als Verkünder des Frühlings.

Heckengehölze wie der Schwarzdorn lassen im Frühling unzählige Blüten aufgehen. © Marcel Gluschak
Frühlingsstimmung – Die Schwarzdorn-Hecken beginnen zu blühen, sie wirken wie gezuckert. © Marcel Gluschak

Der Schwarzdorn bildet ein überaus dichtes Geäst mit sehr vielen, teilweise über 5 cm langen Dornen. Bevor die Menschen ihre Siedlungen mit Ringmauern schützten, pflanzten sie Dornhecken an. Im Mittelalter war es noch üblich, Felder und Viehweiden mit Hecken zu umfrieden – so entstanden ganze Wallheckenlandschaften. Dort, wo die Hecken erhalten geblieben waren, z.B. in der Normandie, hielten sie zu Kriegszeiten sogar den Vormarsch der Panzer zurück.

Auch lange, nachdem ein Schwarzdorn abgestorben ist, können seine Dornen Autoreifen durchstechen. Doch warum entwickelt eine Pflanze eine derartig hartnäckige Abwehr? Der Schwarzdorn bevorzugt sonnige Standorte an Weg- und Waldrändern. Freiflächen bieten aber, anders als der Wald, auch vielen Gräsern und Kräutern Freiraum, und diese ziehen wiederum Pflanzenfresser an. Dazu gehören beispielsweise Rehe und Hirsche, früher aber auch Wildpferde, Auerochsen und Wisente. Gräser sind darauf eingestellt, ständig abgefressen zu werden – sie wachsen zügig nach. Einige Sträucher und Bäume, die größer als Gras werden wollen, haben sich Dornen zugelegt, um sich gegen den ständigen Verbiss zu wehren.

Der Schwarzdorn hat lange Dornen © Marcel Gluschak
Wer dem Schwarzdorn zu nahe kommt, bekommt es mit langen Dornen zu tun. © Marcel Gluschak

Den Schwarzdorn findet man häufig in Gesellschaft mit ähnlich wehrhaften Pflanzen wie Wildrosen und Weißdorn. Außerdem gesellen sich gerne Wacholder, Berberitze und Haselnuss dazu. Trotz ihrer Wehrhaftigkeit bleiben diese Heckengesellschaften jedoch nicht ewig. Unter natürlichen Bedingungen werden sie von den langsamen und zähen Baumarten im Zeitlupentempo überwuchert. Schwarzdorngesellschaften bilden ein Bindeglied in der Sukzession zum Hainbuchen-, Buchen- oder Eichenwald.

Dornröschen müsste eigentlich Stachelröschen heißen

Der Schwarzdorn hat rundliche bis kantige Zweige, die mit zahlreichen Kurztrieben besetzt sind. An diesen Kurztrieben finden wir die gefährlichen Dornen. Doch was ist eigentlich der Unterschied zwischen Stacheln und Dornen?

Die Antwort lautet: Dornen entspringen aus dem verholzten Teil der Pflanze, wohingegen Stacheln diesem nur aufsitzen. Botanisch betrachtet sind Dornen umgewandelte Seitentriebe. Sie ersetzen das an dieser Stelle eigentlich vorgesehene Pflanzenorgan, also z.B. Blätter oder auch Wurzeln. Dementsprechend sind dornen auch von Leitbahnen durchzogen, die für den Ferntransport von Wasser, gelösten Stoffen und organischen Substanzen verantwortlich sind.

Die Wildrose und ihre Stacheln während des Blattaustriebs © Marcel Gluschak
Rosen haben keine Dornen, sondern Stacheln. © Marcel Gluschak

Im Gegensatz zu Dornen sind Stacheln wiederum keine umgewandelten Organe, die aus dem Pflanzenkörper herauswachsen. Sie befinden sich vielmehr an der Außenschicht des Stängels. Daher lassen sich Stacheln auch leicht abstreifen, wohingegen Dornen mehr oder weniger fest mit dem Spross verbunden sind.

Rosen besitzen – obwohl wir hier immer von Dornen sprechen – die leicht entfernbaren Stacheln. Rosen haben also eigentlich keine Dornen. Stacheln kommen außerdem auch an Himbeeren und Brombeeren vor. Im Gegensatz dazu sind die vermeintlichen Stacheln der Kakteengewächse in Wirklichkeit Dornen. Auch die Stachelbeere ist eigentlich eine Dornenbeere.

Schwarzdorn und Weißdorn

Schwarzdorn und Weißdorn (Crataegus) haben die gleiche Strategie gewählt. Sie zählen zu den sogenannten Sprossdornen. Berberitzen (Berberis vulgaris) hingegen tragen Blattdornen, die an den Langtrieben der Pflanzen sitzen. Aus den Achseln ihrer Dornen entstehen im selben Jahr Kurzsprosse mit Blättern.

Der Schlehdorn hat sich jedoch besonders intelligente Waffen zugelegt. Wenn der Busch weniger stark verbissen und beschnitten wird und der Sprossdorn somit nicht mehr gebraucht wird, können aus den Knospen am Dorn ganz normale Langtriebe hervorgehen. Diese Flexibilität hat aber auch ihren Preis. Schlehendorne werden nie ganz so spitz wie beispielsweise die Sprossdorne des Weißdorns. Das letzte holzfreie Spitzchen bricht leicht ab und hinter­lässt ein stumpfes Triebende.

Laubaustrieb beim Weißdorn © Marcel Gluschak
Während der Schwarzdorn bereits blüht, entfaltet der Weißdorn zunächst seine Blätter. © Marcel Gluschak

Die leuchtend weißen Blüten von Schwarz- und Weißdorn sind sich sehr ähnlich. Doch beim Schwarzdorn entfalten sie sich, bevor seine Blätter sprießen. Der Weißdorn hingegen blüht erst nach seinem Laubaustrieb. Daran kann man beide Gehölze im Frühjahr leicht voneinander unterscheiden. Der Schwarzdorn beginnt seinerseits dann mit seiner Blüte, wenn die Weidenkätzchen verblüht sind. So übergeben die Gehölze einander den Staffelstab, damit für die Insekten immer Nahrung verfügbar ist.

Blühender Schwarzdorn (oben) und Weißdorn (unten) © Marcel Gluschak
Heckengemeinschaft: blühender Schlehdorn (oben) und Weißdorn (unten) © Marcel Gluschak

Untersuchungen zeigten, dass Bienen und Hummeln bevorzugt an Hecken entlang fliegen – selbst wenn diese künstlich angelegt sind – um von einem Blüten-Hotspot zum nächsten zu gelangen. Es zeigte sich außerdem, dass sich Pflanzen besser entwickeln, wenn sie an Kreuzungspunkten von Hecken stehen und dort entsprechend häufig von Hummeln besucht werden.

Wie schafft es der Schwarzdorn, so früh zu blühen?

Unter den Gehölzen der Familie der Rosengewächse ist der Schlehdorn eine der ersten Arten, die die Landschaft mit einer geradezu verschwenderischen Blütenpracht überzieht. Der Zeitpunkt ist erstaunlich früh. Die Witterung kann noch sehr unbeständig sein, auf eine Wärmephase kann auch leicht wieder Frost folgen. Warum tut es der Schwarzdorn nicht dem Weißdorn und den Wildrosen gleich? Diese lassen ihre Blüten im späteren Frühling wachsen, wenn Flora und Fauna ihre volle Leistungsfähigkeit entfalten.

Schwarzdornblüte und verdorrte Schlehe © Marcel Gluschak
Inmitten der prächtigen Schwarzdornblüte zeigt sich noch eine verdorrte Schlehe aus dem Vorjahr. © Marcel Gluschak

Letztlich ist der evolutionäre Wettbewerb zwischen den Gehölzen dafür verantwortlich. Das Streben nach der möglichst genialen Strategie hat die Übergänge der Blühzeitpunkte hervorgebracht. Wer exklusiv Blüten anbieten kann, hat die größte Chance auf eine erfolgreiche Bestäubung. Und an den ersten kalten Frühlingstagen sind immerhin schon die Dunkle Erdhummel (Bombus terrestris) oder die Helle Erdhummel (Bombus lucorum) aktiv, während es der Honigbiene noch zu kalt ist.

Schwarzdornblüten © Marcel Gluschak
Die Blüten des Schwarzdorns sind radiärsymmetrisch, fünfzählig und zwittrig. © Marcel Gluschak

Was uns einen so lieblichen Anblick verschafft, ist in Wirklichkeit ein enormer Kraftakt. Um vor seinem Laubaustrieb blühen zu können, verbraucht der Schwarzdorn seine gesamten Reservestoffe des vergangenen Jahres. Fällt die Blüte aus, liegt es häufig am Wassermangel des letzten Sommers. Wer Frühblüher in seinem Garten hat und sie während eines trockenen Sommers ausreichend gießt, erhöht die Chance auf eine reiche Blüte im kommenden Frühling.

Der Schwarzdorn blüht © Marcel Gluschak
Für dieses Blütenmeer mobilisiert der Schlehdorn die letzten Kräfte. © Marcel Gluschak

Die Blüten des Schwarzdorns duften leicht nach Mandeln und sondern reichlich Nektar ab, so dass die Schlehe für zahlreiche Insekten im zeitigen Frühjahr eine wertvolle Nahrungsquelle ist. Nach der Bestäubung entwickelt sich an einem aufrechten Fruchtstiel eine dunkle, kugelige Steinfrucht: die Schlehe.

Dunkle Beeren und schwarze Dornen auf der einen Seite, weiße Blüten und flimmerndes Heckenleben auf der anderen – die Schlehe vereint Gegensätze und nahm daher auch eine wichtige Stellung in der Mythologie ein. Mehr über den “Feenbaum”, seine wertvolle ökologische Funktion im Winter und wie man aus dem Wildobst leckere Marmelade kocht, erfährst du in meinem Beitrag: Dornig, köstlich, wild: Die Schlehe.

Ich arbeite beim WWF Deutschland und bin dort zuständig für das Jugendprogramm. Nebenberuflich absolviere ich eine Ausbildung zum Naturerlebnispädagogen bei CreNatur sowie zum Wildnispädagogen bei der Wildnisschule Hoher Fläming. Ich liebe es, in der Natur unterwegs zu sein, ob zu Fuß, im Kanu oder mit dem Fahrrad. Es vergehen schnell Stunden, in denen ich mich ausdauernd in der Naturfotografie ausprobiere oder einfach den Moment genieße, beobachtender Teil der Natur zu sein. Achtsamkeit, Respekt für die Natur und Begeisterung für ihre Schönheit liegen mir sehr am Herzen.

1 Kommentar

  • Cristina Camarata

    Das ist eine gelungene Fortsetzung zu dem ersten, auch sehr interessanten Beitrag über die Schlehe. Sehr schön anschaulich erklärt wird, wie man Schwarz- und Weißdorn unterscheidet, was der Unterschied zwischen Dornen und Stacheln ist… Merkwürdig, dass sich die falschen Bezeichnungen so lange gehalten haben 😅. Nun weiß ich jedenfalls, wie ich meine Dornenbeere korrekt ansprechen muss 😉.
    Sie blüht auch schon, aber längst nicht so übervoll wie die Prachtexemplare auf den tollen Fotos! Es ist wirklich eine große Leistung der Hecken, so üppig und früh zu blühen, um die Insekten abwechselnd zu versorgen, quasi eine Nahrungskette zu bilden, die nicht abreißt. Sehr schön fand ich auch den Vergleich mit dem Staffellauf. Und man sieht an diesem Beitrag auch wieder, wie ungemein wichtig solche Heckengemeinschaften für Vögel, Insekten und kleine Säugetiere sind. Sie sollten überall, auch in Städten angepflanzt werden, als echte Alternative zu Buchsbaumhecken in Monokultur, an denen nur der eingewanderte Buchsbaumzünsler “Freude hat”. Oder den scheußlichen Steinzäunen im Drahtkorsett, die man jetzt überall sieht. Heckengemeinschaften würden der Artenvielfalt sehr helfen und man könnte es ja mal wachsen lassen und nicht immer rechteckig beschneiden.😏 Der Tipp für die Gartenbesitzer ist auch wieder sehr nützlich, Danke! Manche “Experten” sagen tatsächlich, man solle die Pflanzen abhärten, nicht verwöhnen, damit sie lernen, mit Trockenperioden umzugehen. 😕 Das sind wahrscheinlich die Befürworter der “pflegeleichten”, tierfreien Steingärten. 😬

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