Frühling

Was ist dran an der Vogeluhr?

Gehört laut Vogeluhr zu den Frühaufstehern: die Amsel © Marcel Gluschak
Gehört laut Vogeluhr zu den Frühaufstehern: die Amsel © Marcel Gluschak

Im Frühling und Sommer können wir in den frühen Morgenstunden ein wahres Konzert erleben. Wenn der Tag anbricht, beginnen die Vögel zu singen – das ist überall so. Folglich rollt das Einsetzen des Vogelgesangs mit dem Morgengrauen wie eine riesige, akustische La-Ola-Welle jeden Tag über die Kontinente. Dabei stimmt jede Vogelart in einem spezifischen Moment ein. Erstaunlich pünktlich zeigen dabei die jeweiligen Stimmen an, wie viele Minuten es noch bis zum Sonnenaufgang sind. Ist diese “Vogeluhr” so verlässlich, dass wir die Uhr danach stellen könnten? Warum singen Vögel eigentlich so früh am Morgen? Und wie haben wir Menschen den Gesang der Vögel verändert?

Der Erste ist immer der Gartenrotschwanz

80 Minuten vor Sonnenaufgang ist der Gartenrotschwanz der erste Vogel, der seine Stimme erhebt. 10 Minuten später folgt der Hausrotschwanz, eine Stunde vor Sonnenaufgang stimmt die Rauchschwalbe mit ein. Es folgen Singdrossel, Kuckuck und Rotkehlchen. Die 45-Minuten-Schwelle markieren Amsel, Goldammer und Mönchsgrasmücke. Der Zaunkönig meldet sich 40 Minuten, der Zilpzalp und die Blaumeise 35 Minuten vor Sonnenaufgang.

Wenn die Sonne noch 30 Minuten vom Horizont entfernt ist, beginnt die Kohlmeise ihren Gesang. Bei Minute 20 reihen sich Fitis und Stieglitz mit ein, die letzte Viertelstunde wird vom Grünfink und vom Star eingeläutet. Der ‘Spätaufsteher’ unter den Singvögeln ist der Buchfink, der erst 10 Minuten vor Sonnenaufgang das Konzert vervollständigt. Diese Reihenfolge ist als “Vogeluhr” bekannt.

Zaunkönig © Marcel Gluschak
Seine laute Stimme ist ca. 40 Minuten vor Sonnenaufgang zu hören: der Zaunkönig. © Marcel Gluschak

Kann man also anhand der Vogelstimmen sagen, wie spät es ist? Wenn man sich zum Beispiel die schöne Übersicht des NABU anschaut, könnte man zu diesem Schluss kommen. Doch findet man auch schnell andere Vogeluhren, in denen die gefiederten Wecker scheinbar anders ‘ticken’, wie bei diesem Beispiel aus der Schweiz. Was ist also dran an der Vogeluhr?

Vögel nehmen die Vogeluhr sicher nicht so ernst wie wir Menschen

Richtig ist: In den frühen Morgenstunden beginnen die unterschiedlichen Vogelarten tatsächlich zu verschiedenen Zeitpunkten mit ihrem Gesang. Für jede Art ist der jeweilige Grad der Morgendämmerung der spezifische Weckreiz. Die Regelmäßigkeit, die man dabei beobachten kann, ist wirklich erstaunlich. Und insofern kann man dort, wo man den Vögeln regelmäßig lauscht, in der Tat ein genaues Gespür dafür entwickeln, wie lange es noch bis zum Sonnenaufgang dauert.

Doch sollten wir die Vogeluhr nicht so missverstehen, dass Vögel stumpf einem genetisch ‘vorprogrammierten’ Rhythmus folgen. Ein Tier orientiert sich nicht an unseren künstlichen Zeitzonen und funktioniert nicht wie ein Uhrwerk. Es gibt viele Faktoren, die einen Einfluss darauf haben, wann welcher Vogel mit seinem Gesang startet – und daher kann es durchaus Abweichungen von der Vogeluhr geben.

Entscheidend für das Einsetzen eines Singvogels ist die Umgebungshelligkeit, die je nach Jahreszeit und dem jeweiligen geografischen Ort anders sein kann. In einem engen Tal, das von hohen Bergen umgeben ist, wird es später hell als in der flachen Ebene. Straßenbeleuchtung wiederum macht die Umgebung heller – So kommt es, dass in Städten manche Vögel früher einsetzen. Amseln und Rotkehlchen können da schon mal die ganze Nacht hindurch singen.

Wenn die Kohlmeise ihren Gesang beginnt, ist es laut Vogeluhr noch ungefähr eine halbe Stunde bis Sonnenaufgang. © Marcel Gluschak
Wenn die Kohlmeise ihren Gesang beginnt, ist es laut Vogeluhr noch ungefähr eine halbe Stunde bis Sonnenaufgang. © Marcel Gluschak

Mit fortschreitendem Frühjahr verlagert sich der Sonnenaufgang, und damit auch der morgendliche Gesangsbeginn, in immer frühere Morgenstunden. Außerdem sind die Vögel im Osten wegen des früheren Sonnenaufgangs immer früher dran als Artgenossen weiter im Westen – so kommt es zu der bereits angesprochen gesanglichen La-Ola-Welle.

Warum singen Vögel bereits so früh?

Der Vogelgesang ist hormonell gesteuert. Meist singen nur die Männchen, um ihre Reviere zu markieren und Weibchen anzulocken. Rechtzeitig zur Paarungszeit steigt ihr Testosteronspiegel – für Vogelmännchen das Signal, nun mit aller Stimmkraft für sich zu werben. Wer besonders laut und variationsreich singt, hat mehr Erfolg bei den Damen und bekommt mehr Nachwuchs. Bei den Blaumeisen zum Beispiel sind es die ältesten Männchen, die am frühesten mit ihrem Gesang beginnen, um ihre Chancen auf ein passendes Weibchen zu erhöhen.

Sind die Jungvögel geboren, singt ihr Vater ihnen täglich vor, damit die Kleinen den arteigenen Gesang lernen. Daher erleben wir den Vogelgesang ab dem Spätwinter bis Ende Juli – der Höhepukt der Vogelkonzerte liegt zwischen Mitte April und Mitte Mai, und dann vor allem früh am Morgen.

Singender Buchfink © Marcel Gluschak
Sobald der Buchfink beginnt, steht der Sonnenaufgang in wenigen Minuten bevor. © Marcel Gluschak

Wärme, Geräusche und Helligkeit signalisieren jeder Vogelart, wie früh sie zu singen beginnt. Doch warum ausgerechnet morgens? Es gibt mehrere Gründe dafür, weshalb sich die Vögel vor allem in der Früh austoben:

  1. Die Konkurrenz rechtzeitig auf Abstand halten: Sobald die Dämmerung einsetzt, kommt Bewegung in die Vogelwelt. Daher muss jeder Vogel, der ein Revier besetzt, von Anfang an die Grenzen abstecken – sonst würde ihm der Platz streitig gemacht werden.
  2. Bei der Paarung nicht zu spät zum Zug kommen: Der Eisprung der Vogelweibchen findet oft morgens statt. Um die Chancen einer Befruchtung zu erhöhen, versuchen die Männchen also möglichst früh ein Weibchen anzulocken.
  3. Die insektenarme Tageszeit effektiv nutzen: Die Insekten fliegen erst, wenn es ausreichend warm geworden ist. In den kühlen ersten Stunden des Tages macht es also wenig Sinn, auf die Jagd zu gehen.
  4. In der Stille besonders auffallen: Am frühen Morgen gibt es wenige andere Geräusche, gegen die der Vogel ansingen müsste. Außerdem ist es häufig windstill und es gibt nur wenige Verwirbelungen in der Luft, weshalb sich der Schall besser ausbreiten kann.

Am frühen Vormittag stellen die Vögel ihren Gesang allmählich wieder ein – und zwar in derselben Reihenfolge, in der sie begonnen haben. Abends ist das Zwitschern und Tirilieren wieder zu hören, allerdings viel dezenter. Und es gibt auch Vögel wie die Nachtigall, die Heidelärche oder manche Rohrsängerarten, die sogar in der tiefen Nacht singen.

Wird die Vogeluhr bald verstummen?

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Der Vogelgesang wird immer leiser und monotoner. Wie eine britische Studie zeigt, geht die Vielstimmigkeit der Vogelwelt in Europa und Nordamerika immer weiter verloren. Die Ursache ist ebenso kurz zusammengefasst wie erschreckend: Wir erleben ein Vogelsterben. Eine Auswertung der Bestandsveränderungen hat gezeigt, dass in Deutschland rund 40 Prozent aller Feldvögel verschwunden sind. Den Vögeln fehlt es schlicht an Nahrung – Stichwort Insektensterben.

Eine hochintensive Landwirtschaft, der Einsatze von Herbiziden und Insektiziden, trockengelegte Feuchtwiesen und Moore und die fortschreitende Zerstörung von Naturräumen – all das lässt die Insekten alarmierend zurückgehen. Insgesamt hat die Menge aller Insekten in Deutschland seit 1998 um 76 Prozent abgenommen! Wenn der Artenreichtum der Vögel weiter schrumpft, steht uns wahrlich ein “stummer Frühling” bevor, vor dem uns Rachel Carson gewarnt hatte.

Unsere Landwirtschaft muss sich ändern. Aber auch jeder von uns kann im Privaten etwas für die Insekten und Vögel tun. Naturschützer:innen sind sich einig, dass wir schon mit einfachen Mitteln den Insekten und Vögeln helfen können. Und zwar, indem wir auf unseren Balkonen und in unseren Gärten mehr Wildnis zulassen.

Es ist wirklich simpel: Je aufgeräumter und ordentlicher ein Garten ist, desto weniger Nahrung und Schutz bietet er den Tieren. Die effektivsten Gegenmaßnahmen: mehr Wildnis zulassen, Wildblumen wachsen lassen statt sie als “Unkräuter” zu bekämpfen, einheimische Sträucher und Bäume wachsen lassen, Wassertränken aufstellen, ein Insektenhotel oder noch besser eine Benjes-Hecke anlegen. Wie viele Gartenflächen gibt es in Deutschland? Wenn jeder in seinem Garten einen Bereich naturnah sein lässt, würden wir den Vögeln damit sehr helfen. Statt unsere Landschaften immer weiter verarmen zu lassen, sollten wir den Vögeln wieder mehr Raum geben und ihnen zuhören – denn sie teilen uns mehr mit, als wir zunächst glauben…

Ich arbeite beim WWF Deutschland und bin dort zuständig für das Jugendprogramm. Nebenberuflich absolviere ich eine Ausbildung zum Naturerlebnispädagogen bei CreNatur sowie zum Wildnispädagogen bei der Wildnisschule Hoher Fläming. Ich liebe es, in der Natur unterwegs zu sein, ob zu Fuß, im Kanu oder mit dem Fahrrad. Es vergehen schnell Stunden, in denen ich mich ausdauernd in der Naturfotografie ausprobiere oder einfach den Moment genieße, beobachtender Teil der Natur zu sein. Achtsamkeit, Respekt für die Natur und Begeisterung für ihre Schönheit liegen mir sehr am Herzen.

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