Sommer

Tödlich und heilend: Roter Fingerhut

Waldlichtung mit Fingerhut © Marcel Gluschak
Zwischen Juni und August steht der Fingerhut in voller Blüte. © Marcel Gluschak

Der Rote Fingerhut war die erste Arzneipflanze der modernen Medizin. Seltsam, mag man denken – Wissen wir doch, dass der Fingerhut sehr giftig ist. Das Geheimnis liegt in der Dosierung. Doch auch auf ganz andere Weise kann uns diese Pflanze helfen, nämlich wenn wir die Himmelsrichtigung bestimmen müssen. Der Rote Fingerhut: Eine spektakulär blühende Pflanze, die trotz ihrer Giftigkeit viel zu bieten hat. Vor allem für ihre bevorzugten Bestäuber, die Hummeln. Doch manche Biene weiß, den Fingerhut zu überlisten…

Es summt und brummt beim Fingerhut

Der Rote Fingerhut (Digitalis purpurea) begegnet uns im Sommer vor allem am Wegesrand und auf Waldlichtungen. Dort finden wir mitunter große Kolonien dieser zweijähigen, krautigen Pflanze. Wenn man sich mitten zwischen die bis zu zwei Meter hohen Blüten begibt, erlebt man einen wahren Farbenrausch. So intensiv purpurfarben leuchten die trichterförmigen Blüten. Ihre Form gab der Pflanze ihren Namen. Die Blütezeit reicht von Juni bis August.

Fingerhutblüte mit kleiner Schrecke © Marcel Gluschak
Eine winzige Schrecke rastet am Blütenkelch des Roten Fingerhuts. © Marcel Gluschak

Überall an den Blütenständen herrscht das geschäftige Treiben der Hummeln und Bienen. Je näher ich herangehe, um die Insekten genau zu beobachten, desto mehr spüre ich ein diffuses Unbehagen. Ich weiß: Als Beobachter kann mir nichts passieren. Und dennoch flößt mir der Fingerhut Respekt ein. Denn alles an ihm ist hochgiftig. Bereits der Verzehr von zwei Blättern würde zu einer tödlichen Vergiftung führen.

Das scheint jedoch die Insekten wenig zu beeindrucken. Die sogenannten Rachenblüten des Fingerhuts wirken wie Magneten auf Hummeln und Bienen. Bei diesem Blütentyp müssen die Bestäuber durch einen relativ großen Blütenschlund tief in die Blüte hineinkriechen. Der Griffel und die Staubblätter befinden sich im oberen Teil der Blume. Der untere Teil der Blütenglocke dient den Insekten als Landefläche. Die roten Flecken mit weißem Rand am Eingang des Rachens wirken zusätzlich verlockend, da sie für die Insekten wie Staubbeutel aussehen.

Faszinierendes Zusammenspiel mit den Hummeln

Es sind vor allem Hummeln, die die Fingerhutblüten anfliegen. Kleineren und schwächeren Insekten versperrt der Fingergut den Weg zum Nektar. Senkrecht aufstehende Sperrhaare sorgen dafür, dass nur die bulligen Hummeln das Innere der Blüte erreichen können. Das ist ganz im Sinne des Fingerhuts, denn seine Staubgefäße liegen in der Blütenröhre ganz eng an der oberen Wand an. Anders als kleinere Insekten haben Hummeln genau die richtige Größe, um beim Krabbeln in die Blüte mit dem Rücken bis an die Decke zu reichen und dort den Pollen abzustreifen.

Hummel in Fingerhutblüte © Marcel Gluschak
Eine Hummel stemmt sich gegen die Sperrhaare, um an den Nektar zu gelangen. © Marcel Gluschak

Wer es den stämmigen Hummeln nicht gleichtun kann, muss aber nicht leer ausgehen. Bienen haben einen intelligenten Trick entwickelt. Sie beißen einfach ein Loch in die Blütenkrone. So vermeiden sie den beschwerlichen Weg durch die Rachenblüte und können trotzdem den Nektar ernten – ganz schön raffiniert.

Biene beißt Lock in Fingerhutblüte © Marcel Gluschak
Eine Biene verschafft sich Zugang zum Nektar, indem sie die Blütenkrone anknabbert. © Marcel Gluschak
Hornissenschwebfliege auf Fingerhut © Marcel Gluschak
Eine Hornissenschwebfliege nutzt den Fingerhut für eine kurze Rast. © Marcel Gluschak

Das intelligente Zusammenspiel von Fingerhut und Hummel geht aber noch einen Schritt weiter. Die Blütenkerzen der Fingerhüte blühen von unten nach oben auf. Bis die Blüten in der Spitze blühen, kann es ein paar Wochen dauern und können sich am unteren Blütenstand schon Früchte bilden. Um das eigene Erbut möglichst mit dem anderer Artgenossen zu mischen, kombiniert der Fingerhut dieses Blühverhalten mit einer genialen Strategie: Die Blüten blühen erst männlich und danach weiblich. Mit diesem Trick unterschiedlicher Reifezeitpunkte von weiblichen und männlichen Geschlechtsorganen – in der Fachwelt Dichogamie genannt – hat sich der Fingerhut perfekt an das Verhalten seiner Bestäuber angepasst.

Denn wenn eine Hummel einen Fingerhut anfliegt, beginnt sie immer bei den untersten Blüten und arbeitet sich dann zu den höheren Blüten vor. Wenn nun also eine Hummel den nächsten Fingerhut besucht, trägt sie Pollen in ihrem Pelz, der von den obersten – und daher männlichen – Blüten eines anderen Fingerhuts stammt. Beim neuen Fingerhut angekommen zwängt sich in die unterste Blüte, die sich schon in der weiblichen Phase befindet, und streift den Pollen des ersten Fingerhuts an den weiblichen Narben ab. So stellt der Fingerhut sicher, dass er fremdbestäubt wird, und dankt es den hungrigen Hummeln mit energiereichem Nektar.

Wie der Fingerhut Herzkranken und Verirrten hilft

Doch auch uns können die Blüten des Fingerhuts aus der Not helfen. Seine traubigen Blütenstände orientieren sich zur Sonne hin. Sie wachsen also, ähnlich wie wir es beim älteren Efeu gesehen haben, auf das Licht zu, verhalten sich fototrop. Steht der Fingerhut in der vollen Sonne, weisen seine Blüten nach Süden. Auf diese Weise kann uns der Fingerhut, wenn wir uns verlaufen haben, helfen, die Orientierung wiederzufinden.

Fingerhut © Marcel Gluschak
An schattenfreien Stellen sind die Blüten des Roten Fingerhuts nach Süden ausgerichtet. © Marcel Gluschak
Gefleckter Schmalbock auf Fingerhut © Marcel Gluschak
Ein Gefleckter Schmalbock tankt die wärmenden Sonnenstrahlen. © Marcel Gluschak

Der Fingerhut gehört zu den tödlichsten Giftpflanzen in unseren Breiten. Gleichzeitig hat er eine lange Geschichte als herzstärkende Heilpflanze. Die aus den Blättern gewonnenen Inhaltsstoffe kommen in zahlreichen Medikamenten zum Einsatz, die gegen Herzbeschwerden zum Einsatz kommen. Hierbei handelt es sich um Herzglykoside, die heute überwiegend aus dem Wolligen Fingerhut gewonnen werden. Herzglykoside regen den geschwächten Herzmuskel an, sich wieder stärker zusammenzuziehen.

Bereits im Mittelalter fand der Fingerhut eine vielseitige Verwendung in der Naturheilkunde. Vor allem in England und Irland spielte der Rote Fingerhut eine wichtige Rolle in zahlreichen Sagen und Legenden über Elfen und Feen. Böse Feen sollen die Blüten einst den Füchsen als Handschuhe geschenkt haben, damit diese lautlos ihr Unwesen in den Hühnerställen treiben konnten. Die Punkte, die wir auf den Blüten finden, sollen demnach Fingerabdrücke der unheilvollen Feen sein.

Tatsächliches Unglück stellt sich aber vor allem ein, wenn man versehentlich Teile der Blüten oder Blätter verzehrt hat. Ärzte raten, die verbliebenen Pflanzenteile möglichst vollständig auszuspucken. Bei Kindern sollte man den Mund mit Wasser ausspülen. Es kann helfen, viel Wasser zu trinken, um das aufgenommene Gift zu verdünnen und die Wirkung abschwächen. Finger weg von Milch – es kann die Giftwirkung verstärken! Das Wichtigste: Sofort einen Arzt aufsuchen.

Den Fingerhut und sein Zusammenspiel mit den Hummeln zu bewundern, das bleibt hingegen gänzlich ungefährlich.

Ich arbeite beim WWF Deutschland und bin dort zuständig für das Jugendprogramm. Nebenberuflich absolviere ich eine Ausbildung zum Naturerlebnispädagogen bei CreNatur sowie zum Wildnispädagogen bei der Wildnisschule Hoher Fläming. Ich liebe es, in der Natur unterwegs zu sein, ob zu Fuß, im Kanu oder mit dem Fahrrad. Es vergehen schnell Stunden, in denen ich mich ausdauernd in der Naturfotografie ausprobiere oder einfach den Moment genieße, beobachtender Teil der Natur zu sein. Achtsamkeit, Respekt für die Natur und Begeisterung für ihre Schönheit liegen mir sehr am Herzen.

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